Woldemar der Falsche                 Markgraf von Brandenburg
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    -   1356
 

Sohn des N.N.
 

Lexikon des Mittelalters: Band IX Spalte 301
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Woldemar der Falsche, Markgraf von Brandenburg
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     + 1356

29 Jahre nach dem frühen und unerwarteten Tode Markgraf Woldemars in Bärwald (14. August 1319) und 28 Jahre nach dem Aussterben der brandenburgischen ASKANIER (1320) erschien im Sommer 1348 ein älterer Pilger bei Erzbischof Otto von Magdeburg, um seine Herrschaftsansprüche auf die Mark geltend zu machen. Die Inszenierung seines Todes und seiner Bestattung im Kloster Chorin begründete er mit dem Hinweis auf seine unkanonische Ehe und dem Gelübde einer längeren Pilgerfahrt als Zeichen aufrichtiger Buße. Das Auftauchen des Pseudo-Woldemar (wahre Identität bis heute ungeklärt) erfolgte in einem Moment äußerster politischer Spannungen und verursachte eine mehrjährige, tiefgreifende Legitimationskrise der wittelsbachischen Herrschaft in der Mark Brandenburg. Die Reklamierung älterer und weiterhin gültiger Rechte mobilisierte rasch deren Gegner - insbesondere die Herzöge von Sachsen-Wittenberg und die askanischen Fürsten von Anhalt, denen sich Adel und Städte der Alt-, Mittel- und Uckermark sowie der Prignitz mehrheitliche anschlossen. Die in kürzester Zeit mobilisierte beträchtliche Anhängerschaft des falschen Woldemar, der in gewohnter Weise Hof hielt, großzügig Privilegien erteilte und seinen Herrschaftsbereich bereiste, ist zugleich ein Gradmesser für den massiven Unmut über die WITTELSBACHER und ihre bayerischen Gefolgsleute.
Diese ohnehin gefährliche Konstellation drohte für Markgraf Ludwig V. von Brandenburg verhängnisvoll zu werde, als KARL IV. Woldemar offiziell anerkannte, ihn am 2. Oktober 1348 mit der Mark belehnte und die Erbschaftsfrage eindeutig im Interesse der verbündeten ASKANIER entschied. Das rasche Scheitern GÜNTHERS VON SCHWARZBURG als Thronprädenten der WITTELSBACHER brachte LUDWIG weiter in die Defensive. Dieser immer prekärer werdenden Situation konnte er nur durch Abschließen der Verträge von Eltville (26. Mai 1349) entkommen, in denen KARL IV. u.a. auf eine Unterstützung des falschen Woldemar verzichtete. Erst nachdem die WITTELSBACHER ihre Autorität im Kurfürstentum restauriert hatten, ließ KARL IV. den falschen Woldemar im April 1350 als Betrüger absetzen. Dieser konnte partiell noch bis 1355 Positionen behaupten, bevor er 1356 eines natürlichen Todes starb.
Es wird stets ungeklärt bleiben, inwieweit Pseudo-Woldemar spontan und eigenständig agierte oder bewußt gelenkt und von KARL IV. nach politischem Kalkül fallengelassen wurde. Sein Auftritt zeigt die grundsätzliche Problematik von Dynastiewechseln, die Verklärung der guten alten Zeit und damit verbunden die latente Sehnsucht nach der Wiederkehr eines messianischen (quasi unsterblichen) Herrschers. Durch die bekannten Kommunikationsprobleme, die Leichtgläubigkeit einer kaum alphabetisierten Gesellschaft und die geringe Schwierigkeit, den zeitüblichen Herrschaftsstil nachzuahmen, war es möglich, eine latente politische Opposition zu personalisieren und zu mobolisieren, so daß die Imitierung uralter Legitimationsmuster weitreichende Irritationen auslöste.

Literatur:
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J. Schultze, Die Mark Brandeburg, 2 Bde, 1961 - R.Ch. Schwenges, Verfassung und kollektives Verhalten. Zur Mentalitäät des Erfolges falscher Herrscher im Reich des 13. und 14. Jh. (Mentalitäten im MA, 1987 [VuF 35]), 177-202 [wichtigste Q.nbeleg, 201f.]