Gerstner Ruth: Seite 65-69
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"Die Geschichte der lothringischen und rheinischen Pfalzgraf von ihren Anfängen bis zur Ausbildung des Kurterritoriums Pfalz"

Mit dem Tode HEINRICHS V. und der Thronbesteigung LOTHARS waren die Aussichten der Nachkommen Siegfrieds gestiegen. Denn LOTHARS Gemahlin Richenza war die Schwester der NORTHEIMERIN Gertrud, der Gemahlin Siegfrieds. Der neue König wollte wie HEINRICH V. den Rhein sichern durch einen verläßlichen Pfalzgrafen. Die beiden Brüder Siegfried und Wilhelm, Söhne des von 1099 bis 1113 amtierenden Pfalzgrafen, hatten wohl die ganze Regierungszeit HEINRICHS V. hindurch mehr oder minder aktiv dem KALWER Widerstand geleistet. 1124 starb Siegfried, Wilhelm aber setzte den Kampf fort. Ja, er führte zum Zeichen seiner Ansprüche den Pfalzgrafentitel. 1125 noch forderte der Kaiser den Erzbischof Gottfried von Trier auf, den Pfalzgrafen Wilhelm zur Ruhe zu bringen.
Wenn der Sachsen-König also Wilhelm einsetzte, so konnte er bestimmt auf diesen zählen. Es scheint damals zu einem gütlichen Ausgleich zwischen Gottfried und dem Sohne Siegfrieds gekommen zu sein, dahin, dass die Nachfolge an Wilhelm von Ballenstädt übergehen sollte, der bereits seit 1126 in den Urkunden LOTHARS als Pfalzgraf auftritt. Wohl wurde Wilhelm in die orlamündischen Allodialgüter und Lehen damals schon eingesetzt (Orlamünde-Rudolstadt, Weimar, Besitzungen in Thüringen, der heutigen Landschaft Franken und dem Vogtland). Ob jedoch das Pfalzgrafengut gleich an Wilhelm kam, ist keineswegs sicher, denn auch Gottfried behielt den Titel comes palatinus bei. Da weder von Gottfried noch von Wilhelm Urkunden zwischen 1125 und 1130 (dem Todesjahr des KALWER) vorhanden sind, wissen wir nicht, ob die Pfalz von ihnen gemeinsam oder von einem allein verwaltet wurde. In den Königsurkunden kommt der Titel palatinus comes beiden zu, ja in dem Diplom vom 20. Januar 1129 in Worms erscheinen beide zusammen, und Gottfried wird vor Wilhelm genannt.
LOTHAR konnte sowohl dem KALWER wie auch dem BALLENSTEDTER volles Vertrauen schenken. Wilhelm tritt in mehreren kölnischen Urkunden als Zeuge auf. Aber auch diese Beziehung scheint auf dem mittelrheinischen Chrakter des Pfalzgrafen zu beruhen, denn wir hören, dass Wilhelm Lehen von dem Erzbischof hatte, und es liegt nichts näher als anzunehmen, dass diese im Gebiet seines Territoriums lagen. Als Lehensträger von Köln und Vogt von Trier hat aber Wilhelm einen allerdings beschränkten Einfluß auf die Besetzung der Erzstühle.
Durch Wilhelm wurde aber der Bereich der Pfalzgrafen bis ins östliche Herzogtum Franken hinein erweitert, denn zu den orlamündischen Besitzungen gehörten auch Güter im ehemaligen Herzogtum Franken. Diese bildeten für ihn nicht nur eine Brücke nach Orla und Weimar, sondern sie mußten auch die Verbindung Wilhelms mit dem fränkischen Stamm verstärken. Der Pfalzgraf bei Rhein erscheint jetzt als Rechtsvertreter für alle Franken. So kam es, dass in einer Königsurkunde vom 10. Februar 1129 als Zeugen genannt werden: "Comites palatini Wilehelmus francorum et Fridericus saxonum".
Auch unter LOTHAR blieben die Beziehungen des rheinischen Pfalzgrafen zum König sehr eng. Sowohl Gottfried wie Wilhelm begegnen sehr oft in der Begleitung des Königs. Nach dem Tode Gottfrieds von Kalw (+ 6.2.1131) war Wilhelm wieder der einzige Pfalzgraf für Franken und Mosellanien. Auch für ihn war die Mosel, trotzdem doch jetzt Weimar-Orlamünde in seinem Besitz war, das eigentliche Zentralland. Hier war Kochem sein Sitz, das wohl durch seinen Stiefvater Otto von Rheineck, den natürlichen Sohn des LUXEMBURGERS HERMANN VON SALM, auf  Wilhelm kam und somit wieder zum Pfalzgut. Das von Erzbischof Bruno von Trier gegründete Kloster Springiersbach bestimmte er sich zur Begräbnisstätte, wahrscheinlich hat er auch die Vogtei über dieses Kloster innegehabt. Stiftete Heinrich II. Laach, so ließ Wilhelm dieser Abtei im Kondelwald seine Hauptschenkungen zufließen, sie lag seiner Zentralstellung am nächsten, da Wilhelm wie sein Vater Vogt von Trier war. Ja Wilhelm hatte so wenig Interesse mehr an der Stiftung des Pfalzgrafen Heinrich II., dass er 1131 die Oberherrlichkeit über die Benediktiner-Abtei am Laacher See an Köln abtrat.
Die Schenkungen, die nach dem Tode Wilhelms dem Kloster Springiersbach zufielen, mögen ein ungefähres Bild geben von der Lage der Beziehungen des Pfalzgrafen an der Mosel. Es waren Güter in Kaimt, Bengel, Kröv, Risbach, Trarbach, Enkirch, Burg (Kr. Bitburg), Mülheim (Kr. Bernkastel), Reil, Pünderich, Briedel, Speia (Wüstung), Bischofs-Alf, St. Aldegund, Bremm, Nehren, Klotten, Alkenbach, Wittlich, Noviand, Alfen, Immerath, Winkel (Kr. Daun), Scheide (Wüstung), Usch (Kr. Bitburg), Dockweiler (Kr. Daun), Hunresdorf (unbestimmt), Wengerohr (Kr. Wittlich), Lötzbeuren bei Sohren (Kr. Zell), Summethof bei Treis, Wirfuß bei Pommern, Oedingen bei Remagen. Danach lag der meiste Besitz des Pfalzgrafen an der mittleren Mosel und in den Kreisen nördlich davon. Möglicherweise waren Trierer Güter in derselben Gegend gelegen, so hatte der Pfalzgraf und Vogt des Erzstifts einen Besitzkomplex, und natürlich sah er hier seine Zentrale, da in Franken die Güter verstreut lagen.
Behielt Wilhelm den pfalzgräflichen Besitz somit fest in der Hand, so finden wir ihn auch wie seine Vorgänger in der Begleitung des Königs. Er war auf Reichstagen zugegen und erscheint als Zeuge in königlichen Urkunden. 1136 beteiligte er sich am Romzuge LOTHARS. Auch sein Stiefvater Otto von Rheineck machte dieses Unternehmen mit. Damals muß Otto den Pfalzgrafentitel erhalten haben, denn unter diesem erscheint er in drei königlichen Urkunden von 1136 und 1137, während 1135 und im August 1136 noch von Otto de Rinegge die Rede ist. Man kann diesen Titel des RHEINECKERS wohl nicht durch die Ehe mit der Witwe des Pfalzgrafen Siegfried erklären, diese Verbindung muß lange vorher geschlossen worden sein.