Partenheimer Lutz: Seite 25-27,29-31
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"Albrecht der Bär. Gründer der Mark Brandenburg und des Fürstentums Anhalt."

Adalbert hinterließ zwei Söhne, Otto und Siegfried, von denen hier vor allem der erste als Vater Albrechts des Bären interessiert. Ihr Verhältnis als Brüder geht aus der bereits herangezogenen Stelle des Annalista Saxo hervor. Sie scheint zugleich darauf hinzuweisen, daß Otto der Ältere war, da er als Graf vor Siegfried, der es immerhin zum Pfalzgrafen bei Rhein gebracht hatte, genannt wird. Der Vater Albrechts des Bären ist zwischen 1083 und 1123 vierzehnmal urkundlich erwähnt. Auf eine Teilung der geerbten Güter und Ämter könnte die Tatsache hindeuten, daß Otto 1083 als Inhaber von Grafenrechten im Schwabengau [Hierbei wird das Dorf Hedersleben östlich von Halberstadt genannt.], Siegfried hingegen als Graf im Nordthüringgau auftritt [In diesem Zusammenhang erscheinen die Orte Oschersleben und das benachbarte Peseckendorf zwischen Halberstadt und Magdeburg.].
Später scheinen alle von Adalbert hinterlassenen askanischen Besitzungen an Otto gefallen zu sein, während Siegfried die weimar-orlamündischen Ansprüche der Mutter übernahm [Otto von Heinemann: Albrecht der Bär (wie EN 1), Seite 22 f. mit Anmerkung 74-77 (Seite 306-308). - Nach zwei Kaiserurkunden vom 27. August 1111 (CDA 1, Nr. 177 f.) hatte das thüringische Kloster Reinhardsbrunn (bei Friedrichroda) das Gut Steinfirst unter anderem von Pfalzgraf Siegfried erworben. Das könnte ein Indiz für Besitzungen des ASKANIERS in Thüringen sein, ohne daß damit natürlich etwas über deren Herkunft gesagt wird. Allerdings ist Vorsicht geboten, denn beide Urkunden gehören zu den bekannten Fälschungen des Klosters.]. Otto ist - wie gesagt - der erste ASKANIER, den eine zeitgenössische Urkunde als Grafen von Ballenstedt bezeichnet, und zwar 1106. Was dessen Haltung zum Reichsoberhaupt anbetrifft, sind wir höchst unzureichend informiert. Als sich König HEINRICHV. Ende des Jahres 1104 gegen seinen Vater, Kaiser HEINRICH IV., stellte, gehörte offenbar auch Otto der Reiche zu denen, die der Opposition beitraten.
Das Jahr 1106 brachte Veränderungen in Sachsen, die gerade auch für das Haus ASKANIEN Bedeutung erlangen sollten. Das Geschlecht der BILLUNGER starb mit Magnus im Mannesstamm aus. Somit traten die politischen Folgen der Ehe Ottos von Ballenstedt ein. Der Graf hatte nämlich Eilika, einer der beiden Töchtern des Herzogs Magnus und seiner Gemahlin Sophie - deren Vater König Bela I. von Ungarn (1061-1063) war -, die Hand gereicht [Sophia war zunächst mit Graf Wilhelm IV. von Weimar-Orlamünde verlobt, nach dessen Tode (1062) ehelichte sie dessen Neffen Ulrich I., Markgrafen von Krain und Istrien, Grafen von Weimar-Orlamünde, der 1070 starb (Annalista Saxo zu 1062 und 1106 (MG SS 6, Seite 693, 744). Ihrem zweiten Gemahl, Herzog Magnus von Sachsen, gebar Sophia die Töchter Wulfhild, wohl spätestens um 1075, und Eilika, anscheinend um 1080. Siehe dazu Ruth Bork: Die Billunger. Mit Beiträgen zur Geschichte des deutsch-wendischen Grenmzraumes im 10. und 11. Jahrhudnert. Diss. Greifswald 1951, Seite 189 f.; Gerd Althoff: Die Billunger in der Salierzeit, In: Stafan Weinfurter unter Mitarbeit von helmuth Kluger (Hg.): Die Salier und das Reich, Band 1: Salier, Adel und Reichsverfassung 2. Auflage Sigmaringen 1992, Seite 309-329. Die Eheschließung zwischen Otto und Eilika erfolgte wohl um 1095 bis 1100; für die erste der beiden Jahreszahlen Otto von Heinemann: Albrecht der Bär (wie EN 1), Seite 319, Anmerkung 6. - Nach den Stader Annalen (MG SS 16), Seite 326 (zu 1144), wollte erst der 1106 gestorbene Markgraf Udo III. von der Nordmark aus dem Hause STADE Eilika zur Gemahlin nehmen, lernte dann aber beim Grafen Helperich von Plötzkau dessen Schwester Irmgard kennen und änderte seinen Plan. Da Eilika als eine der beiden billungischen Erbtöchter sicher eine wesentlich bessere Partie war als die PLÖTZKAUERIN, erreichte sie deren überlieferte große Schönheit bei weitem nicht. Zu dieser Annahme paßt ihr sich später zeigender recht energischer Charakter, von welchem sie Albrecht dem Bären eine ordentliche Portion vererbt zu haben scheint.]. Über Ottos Frau gelangte nun ein Teil der billungischen Erbgüter an die ASKANIER. Allerdings ist unklar, um welche Gebiete es sich dabei im einzelnen handelte. Bernburg könnte dazu gehört haben [1138 residierte Eilika auf der Bernburg (KW, Nr. 67 a.)], des weiteren Orte bei Weißenfels und Halle.
Auch der spätere Besitz Albrechts des Bären in der Altmark stammt vielleicht - zumindest in Teilen - aus dem Erbe der BILLUNGER [H. Assing: Albrecht der Bär (wie EN 1), Seite 222: "Er (Graf Otto - Lutz Partenheimer) ... konnte dank dieser Ehe anscheinend seinen Herrschaftsbereich beträchtlich nach Norden in den Raum Stendal-Salzwedel erweitern." 1519 schrieb Heinrich Basse (wie EN 48), Seite 10: ... Otho vero accepit cum Uxore sua in dotem Soldveddel cum sex Civitatibus que nunc Vetus appellatur Marchia ... J. Schultze: Mark (wie EN 1), Seite 61, vermutet, daß Otto das wohl zunächst als Allod oder Lehen den Markgrafen der Nordmark aus dem Hause STADE gehörende Salzwedel als Entschädigung für den Verzicht auf das Herzogtum Sachsen im Jahre 1112 (dazu gleich weiter unten) erhalten haben könnte. - Als Albrecht der Bär 1160 die Kirche zu Werben in der Wische dem Johanniter-Orden schenkt, erklärt er, daß das Gotteshaus zu seinem Erbe gehörte (CDA 1, Nr. 456; bei KW, Nr. 306, fehlt die Passage: de hereditate mea). Demnach kommen als Vorbesitzer nur die Eltern des Markgrafen in Frage. Sollte Otto der Reiche Werben besessen haben, dann dürfte es ihm wohl durch seine Frau zugefallen sein, da Ottos Vater kaum schon in der Altmark Fuß gefaßt haben wird. Oder Werben ging direkt von Eilika auf ihren Sohn über. Natürlich könnte Otto auch auf andere Weise zu Besitzungen in der Altmark gelangt sein, zum Beispiel durch Kauf, so wie es für seinen Nachfolger bezeugt ist (KW, Nr. 301), aber es ist wohl zumindest wahrscheinlich, daß Albrecht bereits ererbte altmärkische Güter durch Ankäufe erweiterte, als daß Otto auf diese Weise dort erst den Grundstein für askanischen Besitz legte. - Daß Albrechts Erbe im Falle Werbens wohl eher von der Mutter stammen dürfte, scheint auch der Besitz Heinrichs des Löwen in der Wische zu belegen, auf den dessen Sohn König OTTO IV. zugunsten des Erzstiftes Magdeburg verzichtete. Vor 1150 ist zudem Eigentum des WELFEN in Wittenmoor (südwestlich von Stendal) bezeugt (D K III., Nr. 241). Auch hier dürfte Besitz zugrunde gelegen haben, den der Vater Heinrichs des Löwen, Heinrich der Stolze, von seiner Mutter, der BILLUNGERIN Wulfhild, übernommen hatte. - Es bleibt die Frage, ob Eilika ihren Anteil an der BILLUNGER Erbschaft nach dem Tod Herzog Magnus' (1106) ihrem Gemahl Otto übergab oder ob ihn erst beider Sohn Albrecht nach Ottos Ableben (1123) oder sogar erst nach Eilikas Tod (1142) erlangte.]. Dessen andere Teile gelangten über Eilikas Schwester Wulfhild an das Geschlecht ihres Gemahls, Herzog Heinrichs des Schwarzen von Bayern (1120-1126) aus dem Geschlechte der WELFEN. So faßte dieses bedeutende süddeutsche Fürstenhaus in Sachsen, vor allem im Lüneburger Raum, Fuß. Damit war der Grundstein für die spätere Rivalität zwischen den WELFEN und den ASKANIERN gelegt, die das Leben Albrechts des Bären bestimmen sollte. Die sächsische Herzogswürde erhielt nach Magnus' Tod keiner seiner beiden Schwiegersöhne, sondern Graf Lothar von Supplinburg.
Otto von Ballenstedt scheint sich in diesen Jahren einem neuen Betätigungsfeld zugewandt zu haben, denn er wird als erster Laie unter dem berühmten Schriftstück genannt, mit dem der Erzbischof von Magdeburg samt den ihm untergeordneten Bischöfen von Merseburg, Naumburg, Meißen, Havelberg und Brandenburg die Fürsten Sachsens, Frankens, Lothringens und Flanderns zur Besetzung der heidnischen Slawengebiete aufforderte. Nach Otto erscheinen von den namentlich aufgeführten weltlichen Großen noch die Grafen Wiprecht von Groitzsch und Ludwig der Springer von Thüringen, der Erbauer der Wartburg. Der Aufruf entstand wohl um 1108. Für diese Zeit haben wir bereits einige deutliche Quellenhinweise, die belegen, daß man die Wiedereingliederung der rechtselbischen Slawengebiete ernsthaft in Angriff nahm. Neben dem Erzbischof von Magdeburg war daran nach den Untersuchungen Helmut Assings von Anfang an Graf Otto beteiligt.
Die folgenden Jahre rissen den Vater Albrechts des Bären kurzzeitig in die große Politik. Graf Rudolf von Stade, der seit 1106 für den unmündigen Sohn seines Bruders die Nordmark verwaltete, war mit einem Ministerialen namens Friedrich in Streit geraten. Der wandte sich an Kaiser HEINRICH V., während Herzog Lothar von Sachsen die Partei Rudolfs nahm. Als dieser Friedrich auf der Burg Salzwedel festsetzte, enthob der darüber empörte Herrscher Rudolf und Lothar im März 1112 ihrer Ämter. Neuer Markgraf der Nordmark wurde Helperik von Plötkau, Sachsen erhielt Otto von Ballenstedt. Damit gelangte dieses Herzogtum an einen der beiden Schwiegersöhne des letzten BILLUNGERS. Lothar und Rudolf leisteten Widerstand, der Kaiser selbst belagerte Mitte Juni 1112 Salzwedel. Dann folgten Unterhandlungen, die dazu führten, daß sich Rudolf und Lothar unterwarfen und anschließend erneut in ihre Ämter eingesetzt wurden. So war der Aufstieg Ottos von Ballenstedt vom Grafen zum Angehörigen der höchsten weltlichen Führungsschicht nach dem König im Deutschen Reich nach wenigen Monaten schon wieder vorbei. Welche Erinnerungen bei dem ASKANIER zurückblieben, nachdem ihn der Kaiser erhoben und bald darauf fallengelassen hatte, kann nur vermutet werden. Ob Otto wenigstens anderweitig für seinen Verzicht entschädigt wurde ist unbekannt.
Damit endeten die Turbulenzen in Sachsen jedoch nicht, denn das Jahr 1112 brachte noch einen zweiten Anlaß zum Streit zwischen HEINRICH V. und Teilen der sächsischen Großen. Wieder war die askanische Familie betroffen, wenn auch zunächst Ottos Bruder. Gewiß wird aber der Ballenstedter Graf die Angelegeneheit aufmerksam verfolgt haben. Denn sie konnte plötzlich seine eigene werden - zum Beispiel durch Aussterben der Linie Siegfrieds, was bei der damaligen Lebensweise des Adels mitunter recht schnell ging. Ob Otto eingriff, überliefern die Quellen allerdings nicht. Den neuen Zwiste entfachte der Tod des Grafen Ulrich II. von Weimar-Orlamünde, der am 13. Mai 1112 ohne männliche Nachkommen starb. Sein gleichnamiger Vater war der Sohn eines Bruders des oben erwähnten Markgrafen Otto von Meißen, Grafen von Weimar-Orlamünde, dessen Tochter Adelheid die ASKANIER Otto und Siegfried geboren hatte. Ulrich II. ist bekanntlich ein Sohn der ungarischen Königs-Tochter Sophia gewesen, die nach dem Tode ihres ersten Mannes (1070) Herzog Magnus von Sachsen heiratete und dem letzten BILLUNGER Eilika, die spätere Gemahlin Ottos von Ballenstedt schenkte.
Doch nicht dieser, sondern dessen Bruder Siegfried, der wohl von der Mutter Adelheid zumindest bereits Ansprüche auf weimar-orlamündische Güter besaß, forderte nun die Hinterlassenschaft Ulrichs. Damit wollte der rheinische Pfalzgraf die Stellung in Thüringen sicher noch weiter stärken, denn durch seine Gemahlin Gertrud [Gertrud ist eine Tochter des Grafen Heinrichs des Fetten von Northeim, dessen Vater Otto als Widersacher HEINRICHS IV. bekannt wurde. Da ihre Schwester Richenza LOTHAR VON SÜPPLINGENBURG geheiratet hatte, waren Siegfried und Otto der Reiche mit dem Herzog verschwägert.] hatte er offenbar bereits Güter an der Werra im Grenzraum zwischen Hessen und Thüringen erhalten. Doch HEINRICH V., der Siegfried erst 1111 nach der Rückkehr von der Kaiserkrönung auf Verwendung fürstlicher Standesgenossen die Freiheit geschenkt [Zur Jahreswende 1108/09 war der Pfalzgraf von Heinrich von Limburg (Herzog von Nieder-Lothringen 1101-1106) vor dem König des Hochverrats bezichtigt worden, der ihn darauf vom Bischof von Würzburg inhaftieren ließ. - Siegfried war nach dem Urteil des Chronisten Ekkehard von Aura vir nobilissimus et suo in tempore nulli in omni probitate secundus (MG SS 6, Seite 247). - Siehe zu dem Pfalzgrafen Siegfried auch Hermann Wäschke: Anhaltinische Geschichte. Band 1: Geschichte Anhalts von den Anfängen bis zum Ausgang des Mittelalters. Cöthen 1912, Seite 73-79.], dann sogar bei der Taufe eines Sohnes des ASKANIERS Gevatter gestanden hatte, ging jetzt daran, die Allodien Ulrichs II. einzuziehen. Es muß allerdings eingeräumt werden, daß Siegfrieds Anspruch auf recht schwachen Füßen stand, da er nur über seine Mutter mit dem ausgestorbenen Grafenhaus verwandt war.
Kaum hatte der Herrscher Sachsen im Sommer 1112 verlassen, erschien der Pfalzgraf im Harzraum, wo sich nicht wenige sächsische Fürsten nach der von ihnen als neuen ungerechten kaiserlichen Eingriff in ihre Angelegenheiten empfundenen Entscheeidung des SALIERS gegen diesen verbanden. Auf Siegfrieds Seite traten Herzog Lothar von Sachsen, Rudolf von Stade, der Verwalter der Nordmark, Pfalzgraf Friedrich von Sachsen, Ludwig der Springer von Thüringen, Wiprecht von Groitzsch und Bischof Reinhard von Halberstadt. Hinter ihnen stand Gertrud, die Schwiegermutter des Herzogs und des rheinischen Pfalzgrafen, die als Witwe Heinrichs von Northeim den Rivalen ihres Bruders, Heinrich von Eilenburg aus dem Hause WETTIN geheiratet hatte.
HEINRICH V. handelte rasch. Ende 1112 ließ er den Metropoliten Adalbert verhaften, und zur Jahreswende forderte er von Erfurt aus zum Kampf gegen Siegfried auf. Anfang 1113 nahm er Halberstadt sowie die zwischen Wolfenbüttel und Goslar gelegene bischöflich-halberstädtische Burg Hornburg. Das verhinderten Bischof Reinhard und Pfalzgraf Siegfried nicht, obwohl sie mit ihrem Aufgeboten in der Nähe standen. Nach diesen Erfolgen betraute der Kaiser Graf Hoyer von Mansfeld mit dem weiteren Kampf gegen die Aufrührer und verließ Sachsen. Seinem Feldhauptmann gelang kurz darauf ein neuer Schlag: Am 21. Februar 1113 überfiel Hoyer Siegfried, Ludwig den Springer und Wiprecht, die bei Warnstedt an der Teufelsmauer (nördlich von Thale) eine Zusanmnmenkunft abhielten. Der GROITZSCHER geriet schwer verwundet in Gefangenschaft, während der Graf von Thüringen und der rheinische Pfalzgraf mit knapper Not entkamen. Auch dieser hatte Verletzungen davongetragen, denen er am 9. März erlag.
Auch die beiden unmündigen Söhne Siegfrieds traf es hart: Die Pfalzgrafschaft am Rhein erhielt Gottfried von Calw. Außerdem ließ sich der Kaiser durch ein Fürstengericht die WEIMARER Allode zusprechen. Obendrein wurden Siegfried II. und Wilhelm wohl große Teile der väterlichen Eigengüter vorenthalten.Von Interesse wäre es nun zu wissen, was ihr Oheim Otto von Ballenstedt in dieser Lage unternahm. Versuchte er, die Ansprüche seiner jungen Neffen zu verteidigen oder gar, sie für sich selbst geltend zu machen? Betrachtete er ihre Realisierung als aussichtslos? Zögerte er vielleicht, weil er sich für ein direktes Engagement zu schwach fühlte, abwarten wollte oder mit anderen Dingen befaßt war? Eigentlich dürfte wohl vermutet werden, daß Graf Otto damals alles daran gesetzt hatte, die weimar-orlamündische Besitzungen oder zumindest den Anspruch darauf seinem Hause zu behaupten. Die herrische Politik des letzten SALIERS - der ihn zwar 1112 zum Herzog erhoben, kurz darauf aber wieder fallengelassen hatte - in Sachsen und Thüringen müßte den BALLENSTEDTER in der Tat erbittert und an die Seite der sächsischen Opposition geführt haben. Schließlich deutet Ottos Name unter dem schon genannten Aufruf von etwa 1108 darauf hin, daß der Graf zu den aktiven unter den Fürsten des östlichen Sachsen zu zählen ist.
Vergessen sollte aber nicht werden, daß der ASKANIER auch bei dem Haupt der antiköniglichen Rebellion, Herzog Lothar, nicht mehr uneingeschränktes Vertrauen genossen haben dürfte. Immerhin stand Otto der Reiche als Nachfoler zur Verfügung, als der Kaiser 1112 Lothar der Herzogswürde entkleidet hatte. Dann scheint sich aber das Verhältis des SÜPPLINGENBURGERS zu den ASKANIERN - falls es denn durch die Episode von 1112 getrübt worden sein sollte - gebessert zu haben, wenn wir in Betracht zieghen, daß Lothar in Ottos Todesjahr 1123 sogleich mit dessen Sohn Albrecht zusammengearbeitet hat. Alles in allem waren Ottos Interessen gewiß darauf gerichtet, den Besitz des Hauses BALLENSTEDT zu sichern und zu mehren. Sein Handlungsspielraum in der WEIMARER Frage mag jedoch damals eingeschränkt gewesens ein, und für den Erhalt der Pfalzgrafschaft am Rhein zugunsten der ASKANIER konnte er im Moment sicher noch weniger tun. Die schon erwähnten Ereignisse des Jahres 1115 scheinen anzuzeigen, daß ihm das Hemd näher saß als der Rock.
Im Januar 1114 hatte Herzog Lothar in Mainz während der Hochzeitsfeier HEINRICHS V. dessen Gnade zurückerlangt, indem er sich im Büßergewand vor ihm zu Boden warf. Während des Sommers verstärkte Lothar das kaiserliche Heer auf Feldzügen gegen Friesland und Köln. Als aber der SALIER Rudolf von Stade die Verwaltung der Nordmark entziehen, Bischof Reinhard von Halberstadt sowie Pfalzgraf Friedrich von Sachsen ihrer Ämter entheben und eine Steuer einführen wollte, verschworen sich diese Ende des Jahres 1114 zu Creuzburg an der Werra (nördlich von Eisenach) mit dem Herzog von Sachsen und den beiden Söhnen des gefangenen Wiprecht von Groitzsch wieder gegen HEINRTICH V. Auch in diesem Falle haben wir keine Kunde davon, ob Otto von Ballenstedt direkt oder indirekt daran beteiligt war [Für Otto von Heinemann: Albrecht der Bär (wie EN 1); Seite 40, ist die Anwesenheit Ottos bei den Beratungen "wahrscheinlich". Hermann Krabbo: Albrecht der Bär: In FBPG 19/1906, Seite 371-390, hier Seite 375, konstatiert hingegen bei Otto eine "auffallende Abneigung, sich in die Reichshändel zu verstricken".].
Erneut flammten die Kämpfe auf. Während die rebellierenden Fürsten von Walbeck (bei Hettstedt) aus den kaiserlichen Parteigänger Graf Hoyer von Mansfeld angriffen, besetzte der Herrscher Braunschweig und verwüstete Halberstadt. Interessant sind nun Quellenangaben für die Zeit unmittelbar vor der schon erwähnten Schlacht am Welfesholz. Während sich das Heer HEINRICHS V. bei Wallhausen am Kyffhäuser sammelte, brachen Lothar und seine Verbündeten nach Orlamünde auf, das von "Freunden des Kaisers" belagert wurde. Die Vermutung, daß diese Burg von Mannen Graf Ottos von Ballenstedt besetzt gewesen sei [So Ruth Hildebrand: Herzog Lothar von Sachsen (Beiträge zur Geschichte Niedersachsens und Westfalens). Hildesheim 1986; Seite 52.], liegt natürlich nicht fern, überliefert wird ein solcher tatbestand allerdings nicht.
Wir hören erstmals in den Quellen wieder etwas von dem ASKANIER, als er am 9. Februar 1115 bei Köthen erfolgreich einem Slaweneinfall entgegentrat. Der Entschluß Ottos, trotz der unmittelbar bevorstehenden Entscheidungsschlacht zwischen den wichtigsten ostsächsischen Fürsten und dem kaiserlichen Heer die Waffen gegen den plötzlich aus dem Osten auftauchenden Feind zu kehren, ist schon mehrfach - und sicher nicht zu Unrecht - neben der Nennung seines Namens unter dem Aufruf von etwa 1108 als Indiz für das große Interesse des BALLENSTEDTERS an einer aktiven Slawenpolitik gewertet worden. Das wird durch die schon angesprochenen Forschungen Helmut Assings unterstrichen, wonach Otto 1108 oder noch eher damit begann den askanischen Einfluß von der Region von der Region Bernburg-Köthen-Dessau aus über die Elbe nach Norden auszuweiten. Dabei wurde der Fluß bei Aken überschritten. Dann setzten die Mannen des BALLENSTEDTERS den Vorstoß auf Zerbst und weiter über Lindau - diesen Raum dürften sie um 1100 okkupiert haben - hinaus zum einen auf Möckern fort, das wohl vor 1114 erreicht wurde, zum anderen entlang der nördlichen Nuthe in Richtung Görzke.
Damit ist nun wohl endgültig die schon von Otto von Heinemann ausgesprochene, später häufig wiederholte Ansicht widerlegt, nach der Otto der Reiche seinen Einfluß erst bei der Verfolgung der geschlagenen Slawen über die Elbe ausgedehnt habe. Der große Konkurrent des ASKANIERS beim um 1100 einsetzenden Vordringen ostsächsischer Adelsgewalten ins ostelbische Slawengebiet war das Erzbistum Magdeburg, dem Helmut Assing bescheinigt, daß es "offenbar eine führende Rolle im Rahmen der neuen Expansionswelle spielte ...". Allerdings gab es gerade damals eine mehrjährige Frist, in der das Erzbistum nur sehr bedingt handlungsfähig war, und die Graf Otto bestimmt nutzte, falls der Wettlauf in diesen Jahren schon begonnen haben solltte. Der 1102 zum Erzbischof gewählte Graf Heinrich von Assel stieß in seiner Diözese auf starken Widerstand, verließ sie deshalb und kehrte erst 1105 zurück. Wie dem auch gewesen sein mag, die Leistungen Ottos des Reichen bei der Ausweitung des askanischen Einflusses in das ostelbische Slawenland waren offenbar weit größer als bislang angenommen.
Ob und in welchem Ausmaß sich der Graf von Ballenstedt in den Jahren nach der für den Kaiser 1115 verlorenen Schlacht am Welfesholz wie andere ostsächsische Adelskräfte auf Kosten des Reichsgutes bediente, wissen wir nicht. Er scheint aber doch noch versucht zu haben, die Ansprüche seines Hauses auf die Rheinpfalz aufrechtzuhalten, denn so sind wohl die Kämpgfe zu deuten, die Otto mit dem Erzbistum Trier geführt haben muß [In einem in die Jahre um 1118 datierten Schriftstückrest berichten Trierer Geistliche ihrem Metropoliten über einen mit Graf Otto von Ballenstedt abgeschlossenen Waffenstillstand (CDA 1, Nr. 185.]. Das Erbe Pfalzgraf Siegfrieds spielte sogar eine Rolle in den Verhandlungen, die Kaiser HEINRICH V. und Papst Calixt II. im Oktober 1119 zu Metz führten. Dabei, was damals in diesem Punkte beschlossen wurde, solle es bleiben, heißt es in dem Reichsfrieden, den der Herrscher im Herbst 1121 mit seinen Gegnern zu Würzburg schloß. Leider ist unbekannt, worauf sich Kaiser und Papst 1119 bezüglich der askanischen Rechte an der Pfalz und an Weimar-Orlamünde geeinigt hatten. Offenbar kamen jetzt aber Siegfrieds Söhne Siegfried II. und Wilhelm wenigstens in den Genuß der Eigengüter ihres Vaters [1119 bezeichnet Erzbischof Adalbert I. von Mainz Siegfried den Jüngeren als Vogt der Erfurter Marienkirche (Mainzer Urkundenbuch 1, Nr. 82; CDA 1, Nr. 186). Wann und auf welchem Wege der ASKANIER dieses Amt erhalten hatte, ist damit allerdings nicht gesagt. Voraussetzung zu seiner Ausübung war aber sicher Besitz in Thüringen. - Es muß damit gerechnet werden, daß in den Wirren inzwischen Teile der Hinterlassenschaft der Grafen von Weimar-Orlamünde in andere Hände gekommen waren, so vermutet A. Tille: Weimar (wie EN 106), Seite 56, daß der Erzbischof von Mainz und Graf Hermann I. von Winzenburg (Burg nordwestlich von Bad Gandersheim) davon profitiert hätten. Er zählt auch die Eckartsburg (nördlich von Apolda) zu den Reichslehen oder Allodien der WEIMARER. Die Burg gehörte zu den ekkehardinischen Besitzungen, die das 1046 ausgestorbene Geschlecht - wie schon gesagt - dem König vermacht hatte. 1066 befand sich HEINRICH IV. auf der Burg (D H IV., Nr. 183). Ob sie davor oder später an die Weimarer Grafen gelangt ist, bleibt unklar. 1112 hat der Kaiser die Burg nach den Pegauer Annalen (MG SS 16, Seite 251) an den jüngeren Wiprecht von Groitzsch verlehnt. Das könnte allerdings ein Hinweis darauf sein, daß der Monarch die Feste damals als Teil der heimgefallenen Weimarer Reichslehen neu vergab. Wiprecht der Jüngere - noch 1115 genannt, als er in der Schlacht am Welfesholz den kaiserlichen Feldherrn Graf Hoyer von Mansfeld erschlug (R L III., Nr. 36) -, starb in einem nicht bekannten Jahre, doch vor seines Vaters Tod (1124). Wohl 1122 entschädigte HEINRICH V. Ludwig den Springer mit der Übergabe der Eckartsburg für den Verlust der Wartburg (siehe dazu H: Assing: Aufstieg (wie EN 138), Seite 288). - Zur Eckartsburg generell jetzt Boje Schmuhl in Verbindung mit Konrad Breitenborn (Hg.): Die Eckartsburg (Schriftenreihe der Stiftung Schlösser, Burgen und Gärten des Landes Sachsen-Anhalt 1). Halle/Saale 1998].
Graf Otto der Reiche von Ballenstedt wandelte noch gemeinsam mit seinem seit 1120 in den Quellen auftauchenden Sohn Adalbert (Albrecht dem Bären) die Propstei auf der Burg Ballenstedt wohl 1123 in ein direkt dem Papst unterstelltes Benediktiner-Kloster um, dessen erster Abt Johannes aus dem nach Hirsauer Vorbild reformierten Magdeburger Kloster Berge kam. Diese offensichtliche Aufwertung der wichtigsten kirchlichen Institution am Ort könnte auf einen damaligen Ausbau Ballenstedts als askanisches Herrschaftszentrum hinweisen. 1123 starb Otto - wie auch Graf Ludwig der Springer von Thüringen, der Erbauer der Wartburg, Heinrich II. von Eilenburg aus dem Hause WETTIN, Markgraf von Meißen und der Lausitz, sowie Bischof Reinhard von Halberstadt. Der dritte namentlich bekannte ASKANIER wurde wahrscheinlich ebenfalls in der Ballenstedter Klosterkirche auf der Burg beigesetzt.