Dießen, Grafen von
 

EUROPÄISCHE STAMMTAFELN NEUE FOLGE BAND L1 Tafel 86 A
 

Lexikon des Mittelalters: Band III Seite 1013
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Dießen
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Ort und Augustinerchorherrenstift im westlichen Ober-Bayern (Kreis Landsberg am Lech), nahe dem Süwestufer des Ammersees, zum erstenmal urkundlich um die Mitte des 11. Jh. (Diezun) erwähnt, als sich nach dem Ort die Grafen Otto und Arnold nennen. Angehörige des nach Dießen und später nach Andechs sich nennenden großen Grafengeschlechter, dessen Ahnherrn man in einem Grafen Rasso (Rathard) erblickt, der in der 1. Hälfte des 10. Jh. nördlich des Ammersees das Klösterchen Grafrath (Kreis Fürstenfeldbruck) begründete, wo sich seine Grabstätte befindet. Vor 1132 ließen die Grafen Otto und Berthold von Dießen, die sich von nun an nach ihren neuen Hauptburgen auch nach Andechs und Wolfratshausen nannten, den bis dahin an der Kirche zu St. Georgen bestehenden Mönchskonvent auf ihren gräflichen Fronhof Diessen übersiedeln. Zunächst wurde die alte Fronhofskirche St. Stephan noch gemeinsam mit dem Frauenkonvent benutzt, doch veranlassten die gräflichen Stifter den Bau einer neune Klosterkirche St. Maria samt Konventgebäude, für welchen sie 1132 päpstlichen Schutz erlangten. 1158 übereignete Heinrich aus der Wolfratshausener Linie dem Augustinerchorherrenkonvent seinen Haupthof zu Dießen (principalis curia). Neben dem Kloster entwickelte sich auch ein Markt, dem 1231 die seit 1180 zu den Herzögen von Meranien, Dalmatien und Kroatien aufgestiegenen Grafen von Andechs sogar Stadtrechte verliehen, um ihn als ihren Herrschaftsmittelpunkt in diesem Raum zu fördern. Doch der Abstieg und schließlich das Aussterben der in ganz Europa begüterten ANDECHSER (1248) zog auch den Niedergang für den Ort nach sich. Doch konnte er unter den WITTELSBACHERN, den Besitznachfolgern der ANDECHSER, seine Marktrechte behaupten und unter Kaiser LUDWIG DEM BAYERN sogar zu einem gefreiten Bannmarkt aufsteigen, dem das Seerichteramt über den Ammersee zukam. Auch das Augustinerchorherrenstift konnte unter den neuen wittelsbachischen Herren fortzubestehen und sich wirtschaftlich und geistig bald zu hoher Blüte entwickeln sowie einen eigenen Gerichtsbezirk ausbilden.

Literatur:
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A. Hugo, Chronik v. D., 1904 - J. Dorn, Von den Anfängen Grafraths (Lech-Isar-Land 3, 1927) 132ff. - Genealog. Hb. zur bair.-österr. Gesch., hg O. v. Dungern, 1931, 10-28 [K. Trotter] - N. Backmund, Die Chorherrenorden und ihrer Stifte in Bayern, 1966, 71ff. [Q. und Lit.] - W. Schlögl, Die Traditionen und Urkk. des Stiftes D. von 1362/63, 1970 - P. Fried - S. Hiereth (HAB, T. Altbayern H, 22723, 1971), 94, 104. - E. Frhr. v. Oefele, Gesch. der Gf.en v. Andechs, 1977- Landberger Kreisheimatbuch, 1982, 394ff. [P. Fried].
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Weinfurter Stefan: Band I Seite 564-568
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"Die Salier und das Reich"

Ihr erster Vertreter Graf Friedrich hielt nach einer Urkunde Kaiser HEINRICHS II. in Haching im Sundergau Gericht. Sein Grafschaftssprengel reichte bis an den Inn und der Schwerpunkt der Familienbesitzungen lag am Westufer des Inn, da sie als Inhaber einiger dem Kloster Tegernsee im 10. Jahrhundert verlorengegangener Güter in diesem Raum bezeugt war (Sie gehörten damit zur obersten Schicht des bayrischen Adels). Die Familie, die sich später nach der Burg nannte, saß noch ein halbes Jahrhundert vor dem ersten Auftreten unter diesem Namen weit entfernt von ihrer Stammburg. Ihre Machtgrundlage in diesem Raum bestand ausschließlich aus gräflichen Rechten, die allodiale Basis war bescheiden. Allerdings lassen sich weiträumig gestreute Besitzungen außerhalb ihres gräflichen Zuständigkeits-Bezirkes erkennen. Sie besaßen jedoch im gesamten 11. Jahrhundert keine Kirchen-Vogteien in Ober-Bayern. Der Schwerpunkt der Familie lag in der 1. Hälfte des 11. Jahrhunderts noch östlich des Würmsees. Nach dem Aussterben der Grafen von Kühbach folgten im Norden die Grafen von Scheyern und im Süden die SIGIMARE. Die Grafen von Dießen erbten den Besitz der SIGIMARE und den des Grafen Rasso von Dießen und übernahmen die Vogtei über das Kloster Benediktbeuren. Vom Moment der Übernahme der Tegernseer Vogtei an gab es eine eigene Wolfratshausener Linie der Grafen von Andechs.

Ausstellungskatalog Kloster Andechs
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Herzöge und Heilige: Seite 38

Für die Vermutung, sie seien Nachkommen der HUOSI, jenes westbayerischen Adelsgeschlechts der AGILOLFINGER- und KAROLINGER-Zeit gewesen, dessen Güter zum großen Teil im Gebiet der späteren ANDECHSER lagen, spricht nichts. Auch die Annahme, die Familie stamme von den bayerischen LUITPOLDINGERN ab und besitze in Herzog Arnulf ihren Ahnherrn, lässt sich nicht beweisen. Sichere Belege für das Bestehen des Geschlechts stammen erst aus dem 11. Jahrhundert. Sie finden sich vor allem in Güteraufzeichnungen, sogenannten Traditionsbüchern, süddeutscher Klöster und Domstifte; dazu kommen Erwähnungen einzelner Familienmitglieder in Königs- und Kaiserurkunden. Hinweise auf frühe ANDECHSER enthalten außerdem die Nekrologe oder Totenbücher geistlicher Gemeinschaften des gleichen Gebiets, insbesondere das Nekrolog des Klosters Dießen, das der dortige Stiftsherr Liutold zu Beginn des 13. Jahrhunderts unter Benutzung älterer Vorlagen anlegte.
Diese Aufzeichnungen lassen erkennen, dass man sich um diese Zeit in Dießen - und wohl auch in der ANDECHSER Familie selbst - keineswegs mehr an die uns heute aus älteren Aufzeichnungen bekannten Mitglieder des Geschlechts erinnerte, sondern im allgemeinen nur noch die Namen der Familien-Angehörigen seit dem späteren 11. Jahrhundert kannte. In Dießen, in dem von den ANDECHSERN Anfang des 12. Jahrhunderts gegründeten Kloster, scheint man kurz vor der Mitte des 13. Jahrhunderts den Versuch unternommen zu haben, einen Stammbaum der Stifterfamilie zu erstellen. Es ist daher nicht sehr viel, was wir über die frühe Geschichte der Grafen von Dießen und Andechs wissen, freilich auch nicht weniger als über Familien gleichen Ranges und Standes in damaliger Zeit im allgemeinen bekannt ist.
Soweit unverdächtige Nachrichten erkennen lassen, war das Haus ANDECHS insbesondere zwischen oberem Lech und oberer Isar begütert. Über Besitz verfügte es daneben östlich von München sowie im Erdinger und Ebersberger Raum. Auch am Inn, in der Gegend des späteren Wasserburg, sowie östlich davon könnten sich bereits im 11. Jahrhundert Andechser Güter befunden haben. Was von diesen Liegenschaften der Familie als Eigentum, als Allodialgut also, gehörte, und was ihr nur als Lehen - sei es von Seiten der Krone und des Herzogtums oder von Seiten kirchlicher, insbesondere klösterlicher Gemeinschaften - überlassen worden war, entzieht sich in den meisten Fällen unserer Kenntnis.
Doch war für dem Aufstieg des Geschlechts auch nicht so sehr die rechtliche Natur seines zweifellos beachtlichen Grundbesitzes entscheidend; viel wichtiger war, dass die ANDECHSER bereits 11. Jahrhundert neben ausgedehnten Ländereien Inhaber gräflicher Rechte waren und über die später nach Wolfratshausen sowie nach Dießen beziehungsweise Andechs benannten Grafschaften verfügten. Die Grenzen, die diese Amtsbezirke Anfang des 11. Jahrhunderts besaßen, auch nur annähernd zu beschreiben, ist nicht möglich. Sicher ist nur, dass die Grafschaft Dießen seit dem Ende des Jahrhunderts vor allem den Raum zwischen Ammer- und Starnberger See umfasste. Im Westen reichte die Grafschaft bis an den Lech, der hier gleichzeitig die Grenze des bayerischen Herzogtums bildete, wobei das südöstlich von Augsburg gelegene Mering der nordwestlichste Punkt der ANDECHSER Herrschaft war. Im Norden an die Grafschaft Scheyern grenzend, dürfte  ihre Ausdehnung von Mering aus in östlicher Richtung bis in das heutige Maisach und Lochhausen lagen noch innerhalb des Dießener Gebiets. Im Süden könnte sich die Grafschaft bis Iffeldorf, Antdorf und Benediktbeuern ausgedehnt haben mit Einschluss der Klöster Polling und Wessobrunn im Südwesten, deren Vogteien sich allerdings in fremden Händen befanden. Im Osten bildete dagegen ihre Grenze die ebenfalls den ANDECHSERN gehörende Grafschaft Wolfratshausen. Sie umfasste das Gebiet östlich des Starnberger Sees sowie die Gegenden um Isar und Loisach, im Süden erstreckte sie sich wohl bis nach Hohenberg und an den Tegernsee. Im Norden bis in die Umgebung Münchens reichend, wurde sie im Osten und Nordosten durch die Grafschaften Valley und Ebersberg begrenzt.
Wie der Grundbesitz und die gräflichen Rechte der ANDECHSER zunächst unter den einzelnen Familienmitgliedern aufgeteilt waren und von diesen weitervererbt wurden, lässt sich nicht eindeutig erkennen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass bei einer Reihe von Adeligen aus dieser Zeit nicht sicher ist, ob sie überhaupt beziehungsweise auf welche Weise sie mit den ANDECHSERN verwandt waren. Zu diesen Personen dürfte jener Graf Arnold zählen, der in einer Urkunde Kaiser HEINRICHS II. vom Jahr 1017 als Inhaber einer Grafschaft erwähnt wird, zu der der Ort Aufkirchen am Starnberger See gehörte. Noch mehr gilt das aber für den Anfang der 40-er Jahre des 11. Jahrhunderts in Tegernseer Aufzeichnung erwähnten Grafen Meginhart von Reichersbeuern sowie einen 3 Jahrzehnte später in einem Freisinger Traditionsbuch überlieferten Grafen Meginhart von Gilching, die beide nach späteren ANDECHSER Grafschaftsorten benannt wurden. Sie zur ANDECHSER Familie zu zählen, mag nahe liegen; doch sind das nur Vermutungen und Hypothesen.