DIE VORGESCHICHTE DER INKAS

Mit der historischen Fahrt des Christoph Kolumbus erhielt das Abendland zum ersten Mal Kunde von Kulturen auf dem amerikanischen Kontinent. Die Schreiber »Seiner Majestät des spanischen Königs« schilderten ihre Städte, verdammten die religiösen Traditionen der Menschen und stellten auch die ersten Zeittafeln auf. Der spanische Geschichtsschreiber Pedro de Cieza de León und der Inkaabkömmling Garcilaso de La Vega vermuten die Entstehung des Reiches der Inka in den ersten Jahrhunderten n. Chr. Nur der Chronist Fernando Montesinos führt eine genaue Stammtafel von Sonnenkönigen auf, die bis weit in die Zeit v. Chr. zurückreicht. Lange Zeit hat die moderne Geschichtsschreibung die Angaben des Berichterstatters Pedro de Cieza de León als gültig übernommen und den Beginn des Imperiums der Inka um 500-800 n. Chr. festgesetzt. Zu diesem Zeitpunkt soll das herrische Kriegervolk mit der Eroberung Perus begonnen haben. 300 Jahre später hatte es sich bereits bis zur Küste des Pazifischen Ozeans ausgedehnt. Die neuen Herren Perus entwickelten eine stark sozialistisch orientierte Staatsform und errichteten das größte Reich in der Geschichte Lateinamerikas. Erst mit den neuesten archäologischen Funden im Hochland von Peru und Bolivien zeichnet sich unter den Historikern eine gegensätzliche Tendenz ab. Da der Aufstieg der Inkas zu einer Weltmacht in kaum 300 Jahren genausowenig zu erklären ist wie der Aufbau eines Staates, der viele Leitlinien des Sozialismus vorweggenommen hat, beginnen sie, den Ursprung der Inka um Hunderte, ja um Tausende von Jahren zurückzuverlegen. Der lange Zeit als Phantast abgewertete Geschichtsschreiber Montesinos kommt wieder zu Ehren: »Vor langer Zeit kam der göttliche Viracocha aus einer Berghöhle hervor. Er war weiser und mächtiger als die gewöhnlichen Menschen, sammelte Stämme um sich und gründete Cusco, die Stadt der vier Weltecken. Damit begann die Geschichte der Söhne der Sonne, wie sie sich selbst nennen.« Montesinos ist der einzige spanische Geschichtsschreiber, der die Entstehung des Inkareiches in der Zeit v. Chr. vermutet. Um so mehr findet er jedoch Unterstützung bei seinen Kollegen, wenn es um die Beschreibung der Frauen der Herrscherfamilie geht. Pedro de Pizarro, der Eroberer Perus, schwärmt von der weißen Haut der Inkafrauen, von ihrem Haar von der »Farbe reifen Weizens« und von ihren feinen Gesichtszügen, die jeder Schönheit aus Madrid gewachsen seien. Wer die peruanischen Hochlandindianer kennt, kann sich über eine solche Begeisterung nur wundern. Die Nachfahren der stolzen Inkas sind klein gewachsen, von rötlicher Hautfarbe - das genaue Gegenteil des spanischen Schönheitsideals. Entweder sie haben sich im Laufe der Jahrhunderte vollkommen verändert, oder die Stammväter der Inkas gehörten einem anderen Volk an. Fernando Montesinos bringt sie mit dem legendären Viracocha in Verbindung. Pedro de Pizarro fügt hinzu, daß die Eingeborenen ihren Fürsten für »ein Kind des Himmelsgottes« hielten, genauso wie alle weißen und blonden Menschen. Die Chronik von Akakor zählt Viracocha zu dem Geschlecht des Götterfürsten Lhasa. Legenden der peruanischen Hochlandindianer berichten von einem weißhäutigen Stamm, der spurlos im Dschungel verschwunden sei. Ganz ohne Spuren zu hinterlassen, ist das geheimnisvolle Volk jedoch nicht untergetaucht. Im Jahre 1911 entdeckte der amerikanische Forscher Hiram A. Bingham die Ruinenstadt Machu Picchu in dem in dreitausend Meter Höhe gelegenen Urubamba-Tal. Sie war noch relativ gut erhalten und wies viele Gemeinsamkeiten mit den Bergfesten der Inkas auf. Nur wußten weder die Zeitgenossen Pizarros noch die Nachkommen der Sonnenkönige von ihrer Existenz. Bingham entdeckte die Stadt nur, weil er den Spuren einer alten Legende gefolgt war. Das war auch der Grund, warum er Machu Picchu mit der bis heute unentdeckt gebliebenen Inkastadt PAITITI, der Fluchtburg des Inkafürsten Manca II., verwechselte. Inzwischen haben archäologische Funde eindeutig bewiesen, daß Machu Picchu nicht mit Paititi identisch ist. Die Ruinenstadt stammt aus einer Zeit, über die wir nichts wissen, und zählt zu den archäologischen Wundern, die jeder Deutung getrotzt haben. Erklärt und historisch eingeordnet ist sie nur in der Chronik von Akakor. Nach der geschriebenen Geschichte der Ugha Mongulala war die »heilige Stadt« eine Schöpfung des Erhabenen Göttersohns Lhasa. Mit dem Zusammenbruch des Inkareiches bei der Ankunft der spanischen Eroberer gaben sie Machu Picchu auf und zogen sich in die tropischen Urwälder zurück.

Karl Brugger Die Chronik von Akakor