Home | Startseite | Impressum | Mail | Gästebuch

Die Entdeckung der Magellanstraße

... daß wir die ganze Rundheit der Erde entdeckt und umfahren haben

Sebastian del Cano

Besucherzaehler 

    Auf unserer Weiterfahrt in südlicher Richtung sichteten wir am 21. Oktober unter 52° südlicher Breite ein Vorgebirge, das wir Kap der 11000 Jungfrauen nannten, weil dieser Tag ihnen gewidmet war.
    Die ganze Schiffsmannschaft war so sicher, daß die hinter diesem Vorgebirge liegende Bucht keinen Ausweg nach Westen besitze, daß es niemandem außer dem Generalkapitän eingefallen wäre, einen solchen zu suchen. Magellan wußte jedoch, daß der Weg durch eine sehr verborgene Meerenge führte, denn er hatte diese auf einer Karte gesehen, die von Martin Behaim, einem vortrefflichen Kosmographen, gezeichnet worden war und vom König von Portugal aufbewahrt wurde. Er sandte deshalb zwei Schiffe, die »San Antonio« und die »Concepcion« aus, um zu untersuchen, wie weit sich diese Bucht erstreckte. Die beiden anderen Schiffe, die »Trinidad« und die »Victoria«, warteten am Eingang der Bucht.
    In der Nacht überfiel uns ein furchtbarer Sturm, der 36 Stunden dauerte und uns zwang, die Ankertaue zu kappen und die Schiffe der Willkür der Fluten und des Sturmes zu überlassen. Auch den beiden ausgesandten Schiffen erging es nicht besser als uns. Der Sturm machte es ihnen unmöglich, um das Kap herum zurückzukehren, und so mußten sie sich hilflos gegen das Innere der Gegend treiben lassen, das sie für eine Bucht hielten, gewärtig, jeden Augenblick zu scheitern. Gerade als sie sich für verloren ansahen, erblickten sie eine Öffnung, in die sie einlaufen konnten. Sie merkten, daß dieser Kanal nicht verschlossen war und änderten deshalb ihre Richtung nicht. Dadurch gelangten sie in eine zweite Bucht, in der sie, sobald sich das Unwetter beruhigt hatte, weitersegelten, bis sie wiederum in eine Bucht gelangten, die größer als die beiden anderen war. Nun hielten sie es für notwendig, umzukehren, um dem Generalkapitän Nachricht von ihrer Entdeckung zu geben.

Italienische Karte der Magellanstraße

   Zwei Tage waren inzwischen verflossen, ohne daß wir diese zwei zur Untersuchung der Bucht ausgesandten Schiffe wieder erscheinen sahen. Daher nahmen wir an, daß sie Opfer des Sturmes geworden waren, den wir selber zu spüren bekommen hatten. Gegen Mittag sahen wir auf dem Lande Rauchsäulen, und daraus schlossen wir, daß sich ein Teil der Mannschaft hatte retten können und uns nun ein Zeichen gab. Während wir noch überlegten, wie wir den Überlebenden zu Hilfe kommen könnten, sahen wir die beiden Schiffe. Sie kamen mit vollen Segeln und wehenden Flaggen auf uns zu und gaben einige Kanonenschüsse ab. Die Mannschaft ließ ein Freudengeheul hören. Wir taten dasselbe und erfuhren, daß sie die Fortsetzung der Bucht oder vielmehr die Meerenge gefunden hatten. Nun sanken wir alle in die Knie und dankten Gott und der heiligen Maria.
    Selbst jetzt noch, vor dem Ziel, hatte Magellan seine ganze Beharrlichkeit und Ausdauer nötig, um die anderen zu der Durchfahrt durch die Straße zu bewegen. Er berief in der Nähe des Vorgebirges der Jungfrauen seine Kapitäne, Piloten und Kosmographen zu sich, um sich mit ihnen zu beraten. In dieser Versammlung wurde festgestellt, daß die Lebensmittel höchstens noch für drei Monate reichten. Dennoch waren die meisten, da sie den Generalkapitän so vertrauensvoll sahen, guten Mutes und zur Fortsetzung der Fahrt bereit. Einer der Piloten jedoch, ein Portugiese von dem Schiff »San Antonio«, der auf den Namen Esteban Gomez hörte, war der Meinung, daß die Lebensmittel nicht ausreichen würden, weil die Flotte nach dieser Straße vermutlich noch durch viele andere große Golfe segeln müsse, um zu dem ersehnten Ziel zu gelangen. Daher schlug er vor, nach Spanien zurückzukehren und mit einer besser ausgerüsteten Flotte und einer neuen Mannschaft die Fahrt zu unternehmen.
    Gomez' Ansehen war groß, und seine Ansicht hatte bei den anderen viel Gewicht. Magellan aber erwiderte ihm, daß er durch diese Straße fahren werde, um sein dem König gegebenes Wort einzulösen, selbst dann, wenn er wüßte, daß er das Leder am Segelwerk der Schiffe verzehren müsse.
    Hierauf ließ der Generalkapitän durch einen Herold auf allen Schiffen verkünden, daß bei Todesstrafe niemand mehr von einer Umkehr oder dem Mangel an Lebensmitteln sprechen dürfe.
    Das ganze Geschwader fuhr in die Meeresstraße hinein. Hier wurden wir - im Südosten und im Südwesten - zweier Öffnungen oder Kanäle gewahr. Ein Boot wurde zur Küste geschickt, um diese rauhe und kalte Gegend zu erkunden. Unsere Matrosen fanden in der Nähe des Strandes eine Grabstätte mit mehr als zweihundert Gräbern und eine große Menge von Knochen toter Fische, was auf heftige und zahlreiche Stürme schließen ließ. Im Süden der Meerenge erblickten wir des Nachts viele Feuer, die den Generalkapitän veranlaßten, dem Lande den Namen Feuerland zu geben.
    Der Generalkapitän schickte nun die beiden Schiffe »San Antonio« und »Concepcion« gegen Süden, damit sie erforschten, ob man durch einen der beiden Kanäle in ein Meer gelangen könne. Die »San Antonio« segelte jedoch sofort mit vollen Segeln ab, ohne auf die »Concepcion« zu warten. Sie trug sich, wie wir später erfuhren, mit der Absicht, die »Concepcion« zurückzulassen, denn der Steuermann wollte die Dunkelheit der Nacht nützen, um nach Spanien zurückzukehren.
    Dieser Steuermann, Esteban Gomez, war, wie ich schon berichtet habe, Magellan feindlich gesinnt. Er hatte, kurz bevor letzterer nach Spanien gekommen war, den König um einige Karavellen gebeten, mit welchen er eine Entdeckungsreise unternehmen wollte. Da nun Magellan sein Vorhaben bekannt gegeben hatte, erhielt er keine Schiffe und wurde nur Steuermann, während er sich schon der Hoffnung hingegeben hatte, Kapitän zu werden. Er verband sich mit den Spaniern seiner Mannschaft, und sie legten den Kapitän der »San Antonio«, Alvaro de Mezquita, einen Neffen des Generalkapitäns, in Ketten, wobei sie ihn sogar verwundeten. Im Schutz der Nacht traten sie die Rückfahrt nach Spanien an. Auf ihrem Schiff befand sich einer der zwei gefangenen Riesen, der starb, als sie die heiße Zone erreichten.
    Die »Concepcion«, die außerstande war, der »San Antonio« zu folgen, kreuzte am Eingang des Kanals, auf die Rückkehr des anderen Schiffes wartend. Sie wartete umsonst, denn die »San Antonio« war in der Nacht durch die Straße, durch die wir gekommen waren, entflohen.
    Wir waren indes mit den beiden anderen Schiffen zu dem Kanal gesegelt, der sich nach Südwesten öffnete. Hier gelangten wir zu einem Fluß, den wir Sardinenfluß nannten, weil wir diese Fische überall im Meer in großen Scharen erblickten. Wir ankerten und warteten vier Tage lang auf die »Concepcion« und die »San Antonio«.
    Während dieser Zeit schickten wir ein gut ausgerüstetes Boot ab, das Kap des anderen Meeres zu suchen. Es kehrte nach drei Tagen zurück, und die Matrosen berichteten uns, daß sie das Kap und ein großes Meer gesehen hätten. Der Generalkapitän weinte vor Freude und nannte das Kap Das ersehnte Kap. Er gab ihm den richtigen Namen, denn wir hatten lange genug darauf gewartet, dieses Kap zu erreichen. Damit hatten wir eines der großen Ziele unserer Fahrt erreicht. Aber noch viele andere warteten auf uns.
    Wir kehrten nun zurück, um uns mit den beiden anderen Schiffen zu vereinigen, fanden aber nur die »Concepcion« vor. Ihr Kapitän und Steuermann, Juan Serrano, den wir fragten, was aus der »San Antonio« geworden sei, antwortete, daß er sie nicht wieder gesehen habe, seit sie in den Kanal hineingesegelt sei. Wir begannen sie nun zu suchen, durch die ganze Meerenge bis in den Golf. Der Generalkapitän schickte die »Victoria« sogar bis zum Eingang der Meerenge zurück, mit dem Befehl, auf einem Hügel eine Flagge anzubringen und darunter in einem Gefäß einen Brief zu hinterlegen, in dem der »San Antonio« Anweisung gegeben wurde, welchen Weg sie zu nehmen hatte, um sich dem Geschwader wieder anzuschließen. Außerdem wurden noch zwei weitere nicht zu übersehende Zeichen aufgepflanzt: das eine auf einer Felsnase in der ersten Bucht, das zweite auf einer kleinen Insel in der dritten Bucht, wo sich zahlreiche Seewölfe und Vögel aufhielten.
    Der Generalkapitän wartete mit der »Trinidad« und der »Concepcion« beim Fluß Isleo, der sich, von hohen, schneebedeckten Bergen herabkommend, beim Sardinenfluß ins Meer ergießt. Hier errichteten wir auf einer kleinen Insel ein hölzernes Kreuz, nachdem wir das Eiland für unseren Kaiser in Besitz genommen hatten.
    Wir nannten die Meerenge Patagonische Meerenge, der Generalkapitän taufte sie Allerheiligen-Kanal, da dieser Tag auf den 1. November fällt.
    Hätten wir diese Meerenge, die aus einem Ozean in den anderen führt, nicht entdeckt, wäre Magellan entschlossen gewesen, die Fahrt bis zu 75° südlicher Breite fortzusetzen, wo es im Sommer überhaupt keine oder eine nur sehr kurze Nacht gibt, während es im Winter nicht Tag wird. In der Meerenge selbst dauerte die Nacht im Oktober nur drei Stunden, und auch während dieser Zeit war sie so hell, daß man weithin sehen konnte.
    Auf unserem Schiff waren nun alle wieder guten Mutes, wohl deshalb allein schon, weil wir eine Meeresstraße gefunden hatten, die vor uns von vielen vergeblich gesucht worden war. Auch mich, Euer Hochwohlgeboren, erfüllte es mit Stolz, unter jenen zu sein, welche diese ruhmreiche und bedeutungsvolle Tat vollbracht hatten. Nur das Ausbleiben der »San Antonio« erfüllte uns mit Sorge, obwohl wir nicht glaubten, daß sie auf ein Riff gestoßen und geborsten sei.

Auszug aus dem Tagebuch des Atonio Pigafetta, der Magellan auf seiner Reise begleitete. In Anlehnung an: Antonio Pigafetta, Mit Magellan um die Erde, Ein Augenzeugenbericht der ersten Weltumsegelung 1519 - 1522, Edition Erdmann