Drakes Durch- querung der Ma- gellan- straße

Nachdem Ferdinand Magellan im Jahre 1522 als erstem die Weltumsegelung geglückt war, dauerte es ganze 55 Jahre, ehe sich ein zweiter an dieses Unternehmen heranwagte, der Pirat Francis Drake, im nachhinein für diese Leistung von der englischen Königin geadelt. Etliche Parallelen zu Magellans Unternehmen fallen auf: Wie dieser segelte Drake mit fünf Schiffen aus der Heimat ab, und wie Magellans Victoria kehrte auch nur eines seiner Schiffe nach England zurück. Auch er mußte einen seiner Kapitäne hinrichten lassen. Im Unterschied zu Magellan, der auf den Philippinen von Eingeborenen getötet wurde, war es Drake jedoch vergönnt, die Heimat wiederzusehen und seinen Ruhm zu genießen. Der Marinekaplan Francis Fletcher hat einen Bericht von dieser zweiten Weltumsegelung verfaßt, aus dem nachfolgend ein Auszug gegeben wird. Wie schon bei Antonio Pigafetta, dem Chronisten der ersten Weltumsegelung, sind es auch hier dieselben auffälligen Begebenheiten, die während der Durchquerung der Magellanstraße erlebt werden: ein Labyrinth von Inseln, Eingeborene, die an wärmenden Feuern sitzen, Robben und Pinguine, Stürme und schneidende Kälte.

Auszug aus:   THE WORLD
 
 
 
 
 

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Encompassed By Sir Francis Drake

»Auf dem Festland nämlich fanden unsere Männer einen niedergestürzten Galgen, der aus Fichtenholz gezimmert war. Darunter fanden sie Menschengebeine. Sie vermuteten, daß es derselbe Galgen war, den Magellan im Jahre 1520 zur Hinrichtung von Juan Cartagena aufstellen ließ, dem Vetter des Bischofs von Burgos, der auf Befehl des Königs gemeinsam mit Magellan das Kommando führte und sein Vizeadmiral war.
    Als wir auf der Insel das Grab für unseren Herrn aushoben, fanden wir einen großen Mühlstein, der in zwei Teile zerbrochen war. Wir nahmen ihn und stellten den einen Teil am Kopf-, den anderen am Fußende des Grabes auf; die Mitte des Grabes bedeckten wir mit Steinen und Erdschollen. In die Steine ritzten wir die Namen der dort Beerdigten ein und die Daten ihres Todes, außerdem zum Gedenken den Namen unseres Befehlshabers auf Latein, auf daß er besser verstanden werde von allen, die nach uns kämen.
    Nachdem wir das alles getan und in Ordnung gebracht hatten, ließ unser Kapitän die MARY, unsere portugiesische Prise, abtakeln, weil sie leck und unbrauchbar geworden war. Die Schiffsrippen und den Kiel ließen wir auf der Insel zurück, auf der wir zwei Monate lang unsere Zelte aufgeschlagen hatten. Nachdem wir so unsere Schiffe ausgebessert, gesäubert, Wasser an Bord genommen und alle anderen Geschäfte erledigt hatten und die Anzahl unserer Schiffe auf die kleinstmögliche Zahl, nämlich auf nur drei - abgesehen von unseren Pinassen - verringert hatten, um leichter zusammenzubleiben, uns leichter versorgen zu können und stärker bemannt zu sein, falls kritische Situationen auftreten sollten, fuhren wir am 17. August von diesem Hafen ab. Wir hegten jetzt große Hoffnungen auf ein glückliches Gelingen unseres Unternehmens, das Gott der Allmächtige bisher so gesegnet und begünstigt hatte, und gingen auf Südwestkurs zur Magellanstraße.
    Am 20. August erreichten wir das Kap, in dessen Nähe die Einfahrt in die Magellanstraße liegt und das die Spanier Cabo Virgin Maria nennen. Man sieht es schon aus einer Entfernung von vier Seemeilen, mit seinen hohen, steilen grauen Klippen, die mit schwarzem Gestein versetzt sind und gegen die die See donnert und spritzt, als seien es die Fontänen von Walfischen; der höchste Punkt gleicht Kap Vincent in Portugal. An diesem Kap ließ unser Befehlshaber alle Schiffe seiner Flotte als Huldigung für Ihre Majestät, die Königin, ihre Toppsegel streichen zum Zeichen seiner willigen Bereitschaft, Ihrer Hoheit schuldigsten Gehorsam zu erweisen und zu betonen, daß ihr alle Rechte an dieser neuen Entdeckung zukämen. Zugleich änderte er im Gedenken an seinen ehrenwerten Freund, Sir Christopher Hatton, den Namen seines Schiffes von PELICAN in GOLDEN HIND um. Nachdem die Feierlichkeiten mit einer Predigt, die den wahren Glauben lehrte, mit Gebeten und Danksagungen an Ihre Majestät und den Hohen Staatsrat, das ganze Gemeinwesen und die Kirche Gottes zu Ende gegangen waren, setzten wir unsere Fahrt in die besagte Straße fort. Bei der Durchfahrt hatten wir auf beiden Seiten Land in Sicht. Bald wurde die Straße so eng, so stürmisch und so voller Windungen und Gefahren, daß es der Kunst eines erfahrenen Lotsen bedurfte, um sie durchfahren zu können. Der Wasserweg verläuft Westnordwest und Ostsüdost. Aber nachdem wir die Straße hinter uns gelassen hatten, schienen wir aus einem zwei Seemeilen breiten Fluß in ein großes und weites Meer zu kommen. In der folgenden Nacht kam eine Insel in Sicht, die an Höhe nicht hinter der vorher erwähnten Insel Fuego zurücksteht und die, ebenso wie Fuego, ununterbrochen und auf wunderbare Weise ihren Feuerschein hoch in die Lüfte erstrahlen läßt.
    Es ist früher für eine unbestreitbare Wahrheit gehalten worden, daß die Meere eine ständige Strömung von Ost nach West durch die Magellanstraße haben, aber unsere Erfahrung belehrte uns eines anderen; Ebbe und Flut, bei denen das Wasser mehr als fünf Faden steigt oder fällt, sind hier genauso wie an anderen Küsten.
    Am 24. August, dem St. -Bartholomäus-Tag, erreichten wir drei Inseln, die in einem Dreieck zueinander liegen. Eine dieser Inseln war sehr schön und groß und hatte fruchtbaren Boden. Weil wir ganz nahe an dieser Insel waren und die See ruhig war, landete unser Kapitän mit seinen Herren und einigen seiner Matrosen dort, ergriff im Namen Ihrer Majestät Besitz davon und nannte sie Elisabethinsel.
    Obwohl die beiden anderen Inseln nicht so groß und schön waren, waren sie uns doch äußerst nützlich, denn auf ihnen fanden wir große Mengen von seltsamen Vögeln, die überhaupt nicht fliegen oder so schnell laufen konnten, daß sie uns lebend entkommen konnten. Sie sind kleiner als eine Gans und größer als eine Wildente, sind kurz und gedrungen, haben keine Federn, sondern einen gewissen harten und eng verwachsenen Flaum. Ihre Schnäbel sind denen der Krähen nicht unähnlich; sie wohnen und brüten an Land, wo sie wie die Kaninchen ihre Höhlen in die Erde graben, sie legen Eier und ziehen ihre Jungen auf. Ihre Nahrung beziehen sie aus dem Meer, in dem sie so gewandt schwimmen, daß man sagen kann, die Natur habe ihnen keinen geringen Vorteil durch ihre Geschwindigkeit gegeben. Diese Schnelligkeit hilft ihnen sowohl Beute zu machen als auch zu entkommen, wenn sie selbst von anderen gejagt werden. Die Menge dieser Vögel auf diesen Inseln ist so groß, daß wir innerhalb eines Tages nicht weniger als 3000 töteten, und wenn ihre Vermehrung gleich groß ist, so muß man sagen, daß die Natur keinen größeren Reichtum einer Art auf so kleinem Raum hervorgebracht hat, einer Art, die in so weitreichendem Maße den Zwecken des Menschen dient; denn das Fleisch dieser Vögel ist eine gute und bekömmliche Nahrung. Nach altem Brauch taufte unser Kapitän die eine dieser Inseln Bartholomäusinsel, weil wir gerade den St.-Bartholomäus-Tag hatten, die andere erhielt, zu Ehren Englands, den Namen St.-Georgs-Insel.
    Auf der St.-Georgs-Insel fanden wir die sterblichen Überreste eines Mannes, der schon so lange tot war, daß sein Skelett zerfiel, als wir es von der Stelle entfernten, an der es lag. Von diesen Inseln bis zur Einfahrt in den Pazifik hat die Durchfahrt viele Krümmungen, Kehren und Engpässe, die den Eindruck erwecken, als gebe es dort keine Möglichkeit des Weitersegelns. Wir hatten mit widrigen Winden zu kämpfen, so daß einige unserer Schiffe auf eine Landspitze zufuhren und in einen anderen Wasserlauf kamen; die anderen waren gezwungen, ihren Kurs zu ändern und dort zu ankern, wo es möglich war. Es stimmt, was Magellan über diese Wasserstraße berichtet, nämlich daß es dort viele Häfen gibt und reichlich Trinkwasser; aber einige Schiffe hätten mit nichts anderem als Ankern und Tauen beladen sein müssen, um in diesen Häfen ankern zu können. Große Stürme und widrige Winde, für die diese Gegend berüchtigt ist, sind ein großes Hindernis bei der Durchfahrt und stellen keine geringe Gefahr dar.
    Das Land auf beiden Seiten der Wasserstraße ist sehr hoch und gebirgig. Im Norden und Westen der Durchfahrt liegt der amerikanische Kontinent, im Süden und Osten nichts als Inseln, zwischen denen es unzählige Durchfahrten zum Pazifik gibt. Die Berge strecken solche Gipfel und Zinnen in die Lüfte und sind von einer solchen gewaltigen Höhe, daß sie getrost zu den Weltwundern gerechnet werden können. Sie sind auf weite Strecken von erstarrten Wolken und gefrorenen Meteoren umgeben, wodurch sie ständig an Umfang und Höhe zunehmen. Sie bewahren ihr einmal erreichtes Volumen, dem die Hitze der Sonne nur wenig anhaben kann, da ihre Kuppen so weit weg von jeder Erwärmung und so nahe der kalten, eisigen Region sind.
    Aber ungeachtet aller dieser Tatsachen sind doch die niedrig gelegenen Ebenen sehr fruchtbar das Gras grün und frisch, die Kräuter, die uns sehr fremd sind, gut und zahlreich, die Bäume sind zum größten Teil immergrün, die Luft hat eine Temperatur wie in unserem Land; das Wasser ist höchst angenehm; der Boden ist für jede Art von Korn, die wir in unserem Land anbauen, geeignet. Es fehlt dem Land zweifellos nichts anderes als Leute, die es zum Ruhme des Schöpfers und zum Gedeihen der Kirche nutzen. Die Leute, die diese Gegend bewohnen, machten, als wir vorbeifuhren, an verschiedenen Orten Feuer
    Als wir uns der Einfahrt in den Pazifik näherten, fanden wir solche engen Durchfahrten nach Norden und so weite und offene Passagen nach Süden vor, daß es ohne nähere Erkundung zweifelhaft war, welchen Kurs wir einschlagen sollten. Aus diesem Grunde ließ unser Befehlshaber seine Flotte bei einer Insel vor Anker gehen und ruderte selbst mit einigen Herren in einem Boot los, um die Möglichkeit einer Durchfahrt zu erkunden. Sie stellten fest, daß die nördliche Fahrtroute hinlänglich gut war. Bei der Rückfahrt zu ihren Schiffen begegnete ihnen an der gleichen Insel, vor der wir vor Anker lagen, ein Kanu mit mehreren Leuten.
    Dieses Kanu oder Boot war aus der Borke verschiedener Bäume gefertigt. Der Bootsschnabel und das Heck standen empor und waren halbkreisförmig wie aus einem Guß nach innen geneigt, der Bootskörper bildete eine elegante Form und zeugte von großem Ebenmaß und ausgezeichneter Handarbeit. Sowohl unser Befehlshaber als auch wir meinten, es könne niemals ohne ausgetüftelte und fachmännische künstlerische Beratung gebaut worden sein und sei nicht für den Gebrauch durch so unzivilisierte und barbarische Leute bestimmt, sondern zur Lust und Erbauung einer großen und edlen Person, ja eines Herrschers. Die Bespannung wurde an den Nähten nur mit Lederschnüren aus dem Fell eines Seehundes oder eines anderen Tieres zusammengehalten, war jedoch so dicht, daß das Boot wenig oder kein Wasser nahm.
    Die Eingeborenen sind von mittlerem Wuchs, aber gut gebaut und haben einen kräftigen Körper und starke Glieder. Sie haben viel Freude daran, ihre Gesichter anzumalen, wie die anderen, von denen wir zuvor berichtet haben. Auf der besagten Insel haben sie ein Haus von mittlerer Größe, das aus Pfählen gebaut und mit Tierfellen gedeckt ist. Im Hause haben sie Feuer, Wasser und die Fleischsorten, die gewöhnlich für sie greifbar sind, wie Robben, Muscheln und dergleichen.
    Die Gefäße, in denen sie ihr Wasser aufbewahren, und die Becher, aus denen sie trinken, sind genauso wie ihr Kanu aus Baumrinde gefertigt, und zwar mit nicht geringerer Geschicklichkeit (wenn man die Große der Gegenstände bedenkt). Ihre Gebrauchsgegenstände haben eine sehr gelungene Form und zeigen viel Geschmack.
    Ihre Arbeitswerkzeuge, die sie zum Schnitzen dieser und anderer Gegenstände verwenden, sind Messer, die aus ungeheuer großen Muschelgehäusen gefertigt werden. (Von diesen Muscheln, deren Fleisch sehr würzig und wohlschmeckend ist, dürfte kaum ein Reisender bislang etwas gesehen oder gehört haben.) Die Eingeborenen brechen zunächst die dünne und brüchige Substanz an der Seite der Muschel weg, dann reiben und schleifen sie sie mit Steinen, die sie zu diesem Zwecke haben, bis sie sie so scharf gemacht haben, daß sie selbst das härteste Holz damit schneiden können, wovon wir uns überzeugen konnten. Ja, sie schneiden damit sogar Knochen von größter Härte und machen daraus Harpunen, mit denen sie Fische jagen. Sie haben darin viel Übung und sind sehr gewandt.
    Am 6. September (1578) hatten wir alle diese beschwerlichen Inseln hinter uns gelassen und hatten den Pazifik, oder das Mare del Sur, erreicht. An dem Kap an der Einfahrt zum Pazifik hatte unser Befehlshaber eigentlich die Absicht gehabt, mit seiner ganzen Mannschaft an Land zu gehen und dort nach einem Gottesdienst zur ewigen Erinnerung eine Gedenktafel mit einer in Metall gravierten Inschrift für Ihre Majestät zu befestigen, die er zu diesem Zwecke bereithielt. Aber weder gab es eine Möglichkeit, dort zu ankern, noch erlaubte uns der Wind einen Aufenthalt.
    Nur durch die Beobachtung aller unserer Leute kamen wir zu den folgenden Ergebnissen: Die Einfahrt, durch die wir in die Magellanstraße kamen, liegt auf einer Breite von 52 Grad, der mittlere Teil auf 53 Grad und 15 Minuten und die Ausfahrt auf 52 Grad und 30 Minuten. Die Straße ist 150 Seemeilen lang und an der Einfahrt etwa zehn Seemeilen breit. Nachdem wir die Straße zehn Seemeilen lang befahren hatten, war sie nur noch eine Seemeile breit, später wurde sie an einigen Stellen sehr breit, an anderen sehr schmal, auf dem letzten Teil fanden wir überhaupt keine Straße mehr, sondern nur noch Inseln.
    Als jetzt unser Kapitän feststellte, daß die schneidende Kälte eines so harten und grausamen Winters die Gesundheit einiger unserer Leute stark angegriffen hatte, wollte er so schnell wie möglich Kurs auf den Äquator nehmen und nicht weiter in Richtung auf den antarktischen Pol segeln, da wir dann noch weiter von der Sonne weg und näher der Kälte wären und möglicherweise von noch schwereren Krankheiten bedroht würden. Aber Gott, der es den Menschen freigestellt hat zu planen, behält sich die Entscheidung über alle Dinge vor; Er läßt die Absichten der Menschen hinfällig werden oder kehrt sie häufig genau in das Gegenteil um, wie es Ihm zu Seinem Ruhme und Seiner Ehre gefällt.«
 

Der vorliegende Textauszug ist entnommen aus THE WORLD Encompassed By Sir Francis Drake, herausgegeben von John Hampden, aus dem Englischen übertragen von Günter Thimm, erschienen unter dem Titel Sir Francis Drake, Pirat im Dienst der Queen, in der Edition Erdmann . Der Text weicht geringfügig vom Original ab, insbesondere wurde die alte deutsche Rechtschreibung wiedereingeführt. ISBN-522-61060-1. Die Abbildungen sind historisch.