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AOTEAROA |
Und ich gebe Befehl, das größte Kanu zu bauen, das Hawaiki je gesehen hat, Te Arawa, den Hai, denn ich will fort.
Das Kanu ist eine Pracht. Es hat einen Doppelkiel, ein Segel und trägt auf Bohlen zwischen den Kielen ein kleines Haus. Hei und Tia bauen das Waka, höhlen die Baumstämme aus mit Jadebeilen von der ersten Reise nach Aotearoa. Alles hat seinen Platz im Bauch des Hais: getrocknete Süßkartoffel und Samen für Pflanzungen im neuen Land, Kürbisse mit Trinkwasser, Vögel und Ratten in Käfigen, Hunde, Angelschnüre, Haken und Netze.
Ich habe auch die nötige Anzahl Männer - nur sind es die falschen, genauer gesagt, ich habe einen Mann zuviel und einen zu wenig. Der Mann zuviel ist Ruaeo, ein Riesenkerl, der seine schöne Frau bewacht wie ein Raubvogel seine Beute. Ein guter, verläßlicher Navigator aber fehlt mir.
Ich löse beide Probleme an einem Tag. Es ist der Tag unserer Abreise. Es ist auch jener Tag, an dem ein zweites Kanu, die Tainui, ablegen wird. Ich bitte den Navigator der Tanui, den Priester Ngatoro i Rangi, zu mir an Bord. Er soll eine Weihezeremonie durchführen, unter vollem Segel, und ich bitte ihn, seine Frau mitzubringen. Beide sollen dann in die Tanui umsteigen, ehe wir das offene Meer erreichen.
Als wir ablegen, erinnere ich mich plötzlich, daß mein Jadebeil Tuauru noch in meinem Haus liegt. Also bitte ich den guten Ruaeo, die Axt zu holen. Leider findet er sie lange nicht. Als er endlich an den Strand zurückkehrt, ohne Axt, ist seine große Gestalt von unserem Boot aus gesehen ziemlich klein.
Te Arawa ist über alle Maßen schnell. Schneller als Tanui, deren Segel immer weiter zurückbleibt. Der hohe Priester Ngatoro merkt es für Stunden nicht. Denn so lange sitzt er selbstzufrieden auf seinem Ehrenplatz vor der Kabine, und ich lasse vor ihm tanzen und singen. Als er es merkt, ist es zu spät, da die Nacht fällt.
Te Arawa ist das schnellste Boot, und doch kommt es nicht voran. Jeden Abend schießt es in den roten Sonnenball, nach Westen, immer weiter nach Westen; aber in der Nacht ist alles verwirrt.
Frauen sind der Grund dafür, daß unser Hai umherirrt. Ihr erinnert euch an Ruaeo, den ich zurückgelassen habe, um mich um seine Frau zu kümmern. Nun, besagter Ruaeo steht da am ersten Abend seiner neuen Einsamkeit am Strand, zitternd vor Zorn, und geht ins Meer und sagt Beschwörungen, die uns irre machen: er setzt den Abendstern dorthin, wohin der Morgenstern gehört. Unsere Steuerleute halten sich daran und wenden - und Te Arawa verliert so jede Nacht, was er am Tag gewonnen hat.
Nach ein paar Tagen will der Navigator berechnen, wie weit wir schon gekommen sind. Er muß dazu in der Nacht auf das Dach des Hauses klettern. Nur Ngatoro und ich, die ersten Männer der Expedition, schlafen in dem Haus mit ihren Frauen. Ngatoro hat eine schöne Frau. Auch sie gefällt mit, und die Kabine ist eng.
Der Priester schöpft Verdacht. Er will sicher gehen, daß ich seine Ehre nicht kränke. Er glaubt, ich sehe es nicht, aber natürlich bin ich wach und sehe alles in der Dunkelheit des Nachthauses auf Te Arawa, und was ich nicht sehe, spüre ich. Ngatoro nimmt eine dünne Schnur und bindet sie ans Schamhaar seiner Frau. Mit dieser Schnur am Finger klettert er auf das Dach. Dort richtet er sich seinen Platz und spannt die Schnur wie eine Angel. So wird er spüren, wenn "ein Fisch an seiner Leine knabbert".
Ngatoro ist verliebt in seine Klugheit, und das ist dumm. Wie ich die Sache sehe, hat seine Angel mich herausgefordert. Also stehe ich auf, als ich weiß, er ist auf dem Dach in Trance, und gehe zu seiner Frau. Die ist behilflich, und sehr bald hängt Ngatoros Schnur, brav gespannt, um einen unbewegten Holzpfosten.
Der Priester steigt dann allerdings zu schnell von Dach - ich komme wohl zurück in die Arme meiner Frau, ehe er durch die Tür tritt, aber die Schnur hängt immer noch am Holz. Der Priester fragt nun leise seine Frau, und ebenso leise gibt sie Antwort. Ich liege still, die Muskeln sind gespannt, bereit für einen Kampf. Aber der Priester kämpft nicht mit mir, nicht so, daß ich mich wehren könnte.
An einem hellen Morgen kommt Ngatoro zu uns, mit vollen Händen, ein Jadebeil in seiner rechten, Auruhoe, eine Sklavin, an der linken. Sicher und ruhig steigt er an Tongariros Flanke auf.
Den weißblitzenden Schnee kennt er nicht aus seiner warmen Welt, er hält ihn wohl für Gischt im Himmelsmeer. Zuerst, als er die Schneegrenze erreicht, spüren seine nackten Füße die Kälte nicht, auch nicht die Schärfe der Kristalle. Dann reißen sie Wunden in die Haut. Das Mädchen, ein halbes Kind, beginnt zu weinen. Der Priester hört sie nicht und er fühlt auch keinen Schmerz, nicht seinen und nicht ihren.
Mit jedem Schritt breitet sich das Land herrlicher unter ihm aus, ein Rausch kommt über Ngatoro, Triumph sprüht aus seinen Augen, so schwarz wie Obsidian. Immer höher klettert er. Wind springt auf, Wolken rasen auf den Berghang zu. Nun beginnt der Sturm. Die Welt wird weißes Nichts. Und er, der in den Himmel laufen wollte, fühlt den Tod sehr nahe.
Dann stehen sie am Kraterrand, der Priester und sein Opfer. Der Hochmut sollte hinter dem Mann liegen und die Hoffnung, so wie die Spur aus Blut von seinen Füßen. Angst füllte auch ihn nun bis an den Rand, ganz wie das Mädchen. Jetzt könnte er verstehen, warum der Himmel brüllt. Aber der Priester versteht nichts. Er schreit: "Ewige! Hört Ngatoro, euren Diener! Weit war der Weg zu euch! Willig ist er ihn gegangen und ihr habt ihn bewahrt. Nun steht er hier, in eurem Angesicht, bereit euch zu opfern und zu ehren. Bewahrt Ngatoro nun, gebt Wärme und gebt Leben!"
Härte im Blick, Verzweiflung im Herzen, hebt Ngatoro das Beil. Der Mädchenkörper taumelt in den Krater.
Menschen sagen, wir Berge seien ewig, unbeweglich, nichts rühre unser Herz. Das ist heute wahr. Damals, als das Mädchen auf den Steinen lag, stimmte es nicht. Wir sind die Menschen noch nicht gewöhnt und ihre Opfer.
Erst ist es nur ein leises Zittern. Dann läuft eine heiße Wut in der Erde, unter dem Meer, wie ein Wal, bricht aus in Whakaari, Rotorua, Tarawera. Geysire schießen aus der Erde, kochende Schlammtümpel tun sich auf. Aus dem Krater des Tongariro bricht Feuer, flüssiges Gestein. Selbst Taranaki brüllt seinen Zorn von weither. Der Priester aber glaubt, die Götter hätten ihn erhört und schicken Feuer, ihn zu wärmen.
Copyright © 2001 Manfred Hiebl. Alle Rechte vorbehalten.