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Marco Polo bei den Tataren

Marco Polo bereiste des gesamten Osten, und das zu einer Zeit, in der das Reisen nicht ungefährlich war. Er gelangte bis an den Hof des Mongolenherrschers, der sich damals zum Kaiser von China aufgeschwungen hatte. Mit anschaulichen Beschreibungen schildert uns Marco Polo nicht nur die kurze Geschichte der Mongolen, angefangen bei Dschingis-Khan, sondern er berichtet auch über die Lebensgewohnheiten des von ihm Tataren genannten Volkes, die noch heute die gleichen zu sein scheinen wie damals, so daß es selbst für den heutigen Besucher den Anschein hat, als wäre die Zeit seitdem stehengeblieben. Der folgende Text (Kap. 44 bis 51) ist der Edition Erdmann entnommen (Marco Polo Von Venedig nach China), neu herausgegeben und kommentiert von Theodor A. Knust.

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Die Stadt Karakoran hat einen Umfang von etwa drei Meilen und ist der erste Platz, an dem die Tataren in alten Zeiten ihre Residenz errichteten. Sie ist von einem starken Erdwall umgeben, da es in diesem Teil des Landes nicht viel Steine gibt. Außerhalb des Walles, aber nicht weit davon entfernt, steht eine sehr umfangreiche Burg mit einem hübschen Palast, den der Gouverneur des Platzes bewohnt.
 

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Nun sollen die Ereignisse, welche die Herrschaft der Tataren einleiteten, erzählt werden: Diese wohnten in den Ländern des Nordens, Jorza und Bargu, jedoch ohne richtige Wohnungen, das heißt ohne Städte und feste Plätze. Dort gab es weite Ebenen, gute Weideplätze, große Ströme und also Überfluß an Wasser. Sie hatten keinen Herrn und waren nur einem mächtigen Fürsten tributpflichtig, der, wie ich erfahren habe, in ihrer Sprache Un-Khan hieß, was, wie einige glauben, dieselbe Bedeutung wie Priester Johann in unserer Sprache hat. Ihm lieferten diese Tataren jährlich den zehnten Teil ihres Viehs ab. Im Laufe der Zeit vermehrte sich der Stamm so außerordentlich, daß Un-Khan seine Stärke zu fürchten begann und den Plan faßte, sie in verschiedenen Haufen auf bestimmte Landstriche zu verteilen, die er ihnen anwies. Aus dem gleichen Grund hob er auch, sooft sich Gelegenheit dazu bot - zum Beispiel ein Aufstand in einem der von ihm unterworfenen Länder -, drei oder vier Prozent ihrer Bevölkerung aus und entsandte diese zur Unterstützung des Aufstandes. So verringerte er ihre Macht nach und nach. Endlich aber erkannten die Tataren, wie er sie in vollkommene Abhängigkeit von sich zu bringen suchte, und beschlossen daraufhin, Einigkeit untereinander herzustellen. Sie entschieden sich dafür wegzuziehen und zogen nach Norden, durch eine weite Wüste, bis sie gewiß waren, daß sie sich in sicherer Entfernung von Un-Khan befanden. Dann weigerten sie sich, diesem noch länger Tribut zu zahlen.

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Einige Zeit nachdem sie sich in jenem Lande niedergelassen hatten, es war um das Jahr 1187, schritten die Tataren zur Wahl eines Königs und wählten Dschingis-Khan, einen Mann von erprobter Rechtlichkeit, großer Weisheit, mächtiger Beredsamkeit und außerordentlicher Tapferkeit. Dieser begann seine Regierung so gerecht und so gemäßigt, daß sein Volk ihn mehr als einen Gott liebte und verehrte. Und der Ruhm seiner bedeutenden Eigenschaften breitete sich über jenen Teil der Welt aus, so daß alle Tataren, wie weit sie auch verstreut sein mochten, sich seinem Befehl unterstellten. Da er sich nun an der Spitze so vieler tapferer Männer sah, erwuchs der Wunsch in ihm, aus der Wüste, die ihn umgab, hinauszuziehen. Er gab seinen Leuten den Befehl, sich mit Bogen und anderen Waffen auszurüsten, die sie als Hirten zu gebrauchen gelernt hatten. Dann machte er sich zum Herrn von Städten und Ländern, und der Erfolg seiner Gerechtigkeit sowie seiner anderen Tugenden war so groß, daß das Volk überall bereit war, sich ihm zu unterwerfen, und sich glücklich schätzte, wenn es unter seinen Schutz treten konnte. Auf diese Weise kam er in den Besitz vieler neuer Länder.
    Der Erfolg des Dschingis-Khan kann nicht überraschen, wenn man bedenkt, daß zu dieser Zeit jede Stadt und jede Landschaft entweder vom Volk selbst oder aber nur von einem kleinen Fürsten beherrscht wurde. Weil nun unter diesen keine allgemeine Verbindung bestand, war es unmöglich, einer so furchtbaren Macht Widerstand zu leisten. Nach Unterwerfung dieser Gebiete setzte Dschingis-Khan Statthalter ein, deren Verwaltung so vorzüglich war, daß der Bevölkerung weder an ihrem Leib noch an ihrem Besitz Schaden widerfuhr. Auch machte er es sich zur Gewohnheit, die Vornehmsten aus den Provinzen mit sich zu führen, denen er Gnadenbeweise zuteil werden ließ.
    Als er aber sah, welcher Erfolg seinen Unternehmungen beschieden war, wandte er sich der Ausführung noch größerer Pläne zu. Er schickte Gesandte an den Hof des Priesters Johann mit einer Botschaft, über deren Unannehmbarkeit er sich durchaus im klaren war; er verlangte nämlich dessen Tochter zur Frau. Als jener das vernahm, rief er unwillig aus: »Wie kann dieser Dschingis-Khan nur so anmaßend sein, da er doch weiß, daß er mein Knecht ist, und es dennoch wagen, die Hand meiner Tochter zu verlangen! Macht euch schleunigst auf den Weg und teilt ihm mit, daß er elendiglich umkommen soll, wenn er seine Bitte wiederholt!« Erzürnt über diese Antwort, sammelte Dschingis-Khan eine sehr große Armee und drang an ihrer Spitze in das Reich des Priesters Johann ein. In einer großen Ebene, Tenduk genannt, schlug er sein Lager auf und sandte Boten an den Fürsten mit der Aufforderung, sich zu verteidigen. Darauf marschierte dieser ebenfalls mit einem gewaltigen Heer in die Ebene und stellte sich in einer Entfernung von etwa zehn Meilen auf. Bei diesem Stand der Dinge beauftragte Dschingis-Khan seine Sterndeuter, ihm zu sagen, welches der beiden Heere in der bevorstehenden Schlacht siegreich sein werde. Da nahmen diese ein grünes Rohr, spalteten es der Länge nach in zwei Teile und schrieben auf den einen den Namen ihres Herrn, auf den anderen aber den Namen des Un-Khan. Dann setzten sie sich in einiger Entfernung voneinander auf den Boden und erklärten dem König, die beiden Rohrhälften würden während der folgenden Beschwörung, durch die Macht der Götter gezwungen, aufeinander losrücken und miteinander kämpfen; der Sieg aber werde dem zufallen, dessen Stück auf das des anderen stiege. Das ganze Heer war versammelt, um das Schauspiel zu sehen, und während nun die Sterndeuter damit beschäftigt waren, in ihren Zauberbüchern zu lesen, sah man, wie die beiden Rohrstücke sich bewegten und miteinander kämpften; nach kurzer Zeit aber stellte sich das, welches den Namen Dschingis-Khan trug, hoch oben auf das des Feindes.
    Als der König und seine Soldaten diesen Vorgang beobachtet hatten, schritten sie begeistert zum Angriff gegen die Armee des Un-Khan, durchbrachen deren Reihen und schlugen sie vollkommen. Der Un-Khan selbst wurde getötet; sein Reich fiel in die Hände des Eroberers, und Dschingis-Khan heiratete seine Tochter. Nach dieser Schlacht fuhr er noch sechs Jahre lang fort, sich zum Herrn vieler anderer Länder zu machen, bis er endlich bei der Belagerung einer Burg, die Thaigin hieß, von einem Pfeil ins Knie getroffen wurde und an dieser Wunde starb. Er wurde auf dem Berg Altai begraben.
 

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Auf Dschingis-Khan folgte Cuy-Khan, dann Bathuy-Khan, der vierte war Alacou-Khan, der fünfte Mangu-Khan und der sechste Kublai-Khan, der bedeutender war als alle anderen. Denn er erbte nicht nur, was seine Vorfahren besessen hatten, sondern erwarb dazu auch noch, wie man sagen kann, den übrigen Teil der Welt. Der Titel Khan entspricht unserem Titel Kaiser. Es hat sich die Sitte fest eingebürgert, alle Großkhane und Fürsten aus dem Geschlecht Dschingis-Khans zur Bestattung nach einem hohen Berg, dem Altai, zu schaffen - wo auch immer sie sterben mögen. Außerdem ist es üblich, daß diejenigen, welche den Leichnam ihres Fürsten durch das Land geleiten, alle Personen, die ihnen unterwegs begegnen, erwürgen, indem sie zu diesen sagen: »Geht hinüber in die andere Welt und dient dort eurem verstorbenen Herrn!« Denn sie glauben, daß alle, welche auf diese Weise getötet werden, wirklich seine Diener im Jenseits sein werden. Ähnlich verfahren sie mit den Pferden aus dem Marstall des Khans. Damit dieser sich ihrer dort bedienen kann, töten sie die besten unter ihnen. Als der Leichnam Mangu-Khans nach dem Berg Altai gebracht wurde, erschlugen die seinen Leichnam begleitenden Reiter in ihrem fürchterlichen Wahn etwa zehntausend Personen, die ihnen in den Weg gekommen waren.
 

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Die Tataren haben nirgends feste Wohnsitze, sondern ziehen, sobald der Winter naht, in wärmere Gegenden, um Weide für ihr Vieh zu suchen. Im Sommer dagegen suchen sie kühlere Regionen in den Bergen auf, wo es Wasser und Gras gibt und ihre Tiere nicht von Pferdefliegen oder anderen stechenden Insekten geplagt werden. So wandern sie immer weiter, da das Gras nirgends ausreicht, um ihre riesigen Herden zu ernähren. Ihre Hütten oder Zelte bestehen aus Pfählen, die mit Filz bedeckt sind. Sie sind rund und so kunstvoll gebaut, daß man sie zu einem Bündel zusammenfalten und ohne weiteres mit sich führen kann, und zwar auf einer Art vierrädrigem Wagen. Wenn die Zelte wieder aufgestellt werden, bringen die Tataren die Türen immer auf der Südseite an. Außerdem gibt es bei ihnen noch ein anderes, zweirädriges Fuhrwerk, das ebenfalls mit Filz bedeckt und so ausgezeichnet konstruiert ist, daß man einen ganzen Regentag lang darin sitzen kann, ohne naß zu werden. Diese Wagen werden von Ochsen oder Kamelen gezogen, und die Tataren führen ihre Familien, ihr Hausgerät und ihre gesamte Nahrung in ihnen mit sich. Die Frauen kümmern sich um den Handel, kaufen, verkaufen und sorgen für alle Lebensbedürfnisse ihrer Eheherren und Familien; denn die Männer beschäftigen sich nur mit Jagd, Falkenbeize und dem Waffenhandwerk. Sie haben die besten Falken der Welt sowie die besten Hunde. Die Tataren leben von Fleisch und Milch. Das Fleisch bekommen sie durch die Jagd, vor allem von einem kleinen Tier, das unserem Kaninchen ähnlich ist und das man den Sommer über in der Ebene reichlich findet. Doch essen sie auch Fleisch von Pferden, Kamelen und sogar von Hunden. Sie trinken Stutenmilch, welche sie so gut zuzubereiten verstehen, daß sie die Eigenschaft und den Wohlgeschmack weißen Weines erhält; diese nennen sie dann Kemurs.
    Ihre Frauen sind die keuschesten und ehrbarsten in der Welt; sie lieben und ehren ihre Männer sehr. Treulosigkeit in der Ehe wird von ihnen als ein ehrloses, niederträchtiges Laster betrachtet. Auf der anderen Seite ist es bewunderungswürdig, die Freundlichkeit der Männer im Umgange mit ihren Weihern zu sehen, unter denen, wenn sie auch zu zehn oder zwanzig sind, unübertreffliche Ruhe und Einigkeit herrscht. Nie hört man ein beleidigendes Wort unter ihnen; denn ihre Aufmerksamkeit ist ganz vom Handel und ihren verschiedenen häuslichen Geschäften sowie von der Sorge um den Lebensbedarf der Familie, der Aufsicht über die Diener und der Sorge für die Kinder, um welche sie sich gemeinschaftlich kümmern, in Anspruch genommen. Die Tugenden der Bescheidenheit und Keuschheit bei den Frauen sind um so preiswürdiger, als es den Männern gestattet ist, so viele Frauen zu nehmen, wie sie wollen. Der Aufwand, den der Mann für sie hat, ist nicht groß, und auf der anderen Seite ist der Nutzen beträchtlich, den er aus ihrem Handel und aus ihren sonstigen Arbeiten gewinnt; deshalb bezahlt er, wenn er ein Mädchen zur Frau nimmt, den Eltern ein Heiratsgut. Der Frau, welche zuerst geheiratet wird, erweist man die größte Achtung, auch wird sie als die rechtmäßigste betrachtet, was sich gleichfalls auf die von ihr geborenen Kinder erstreckt. Auf Grund der vielen Frauen, die sie haben, ist die Nachkommenschaft der Tataren größer als die irgendeines anderen Volkes. Nach dem Tode des Vaters kann dessen Sohn alle hinterbliebenen Frauen übernehmen, mit Ausnahme seiner eigenen Mutter. Ihre Schwestern können die Tataren nicht ehelichen; dafür können sie beim Tod ihrer Brüder ihre Schwägerinnen heiraten. Jede Hochzeit wird mit großem Gepränge gefeiert.
 

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Die Tataren haben den folgenden Glauben: Sie sagen, es gebe einen großen und erhabenen Gott; für diesen verbrennen sie täglich Weihrauch, und zu diesem beten sie auch für ihre geistige und körperliche Gesundheit. Daneben verehren sie aber noch einen anderen Gott, der Natigay heißt und dessen Bild, mit Filz oder Tuch bedeckt, jeder in seiner Hütte stehen hat. Neben diesen Götzen stellen sie ein Weib und Kinder und stellen jenes zu seiner linken Seite und diese in ehrerbietiger Haltung vor ihm auf. Ihn betrachten sie als die Gottheit, welche sich um ihre irdischen Angelegenheiten kümmert, ihre Kinder schützt und über ihr Vieh und Getreide wacht. Sie erweisen ihm große Verehrung, und bei ihren Mahlzeiten unterlassen sie es nie, den Mund des Götzen sowie den seines Weibes und seiner Kinder mit einem fetten Brocken Fleisch einzuschmieren. Dann gießen sie etwas von der Brühe, in der das Mahl bereitet wurde, zur Tür hinaus, als Opfer für die anderen Geister. Ist dieses geschehen, so glauben sie, daß ihr Götze und seine Familie ihren Anteil erhalten haben, und essen und trinken ohne weitere Zeremonie. Ihre Waffen sind Bögen, eiserne Kolben und zuweilen auch Speere, aber mit Pfeil und Bogen sind sie am geschicktesten, da sie sich derselben schon von Kindheit auf und auch bei ihren Vergnügungen bedienen. Sie tragen Rüstungen aus dicken Häuten von Büffeln und anderen Tieren, die am Feuer getrocknet und dadurch außerordentlich hart werden. Sie sind in der Schlacht tapfer bis zur Verzweiflung, achten ihr Leben gering und stellen sich ohne Zögern allen Gefahren kühn entgegen. Ihre Natur ist grausam. Sie sind fähig, jede Art Entbehrung zu ertragen, und können, wenn es nötig ist, einen Monat von der Milch ihrer Stuten und von solchen wilden Tieren leben, die sie gelegentlich auf der Jagd erbeuten. Ihre Pferde werden nur mit Gras gefüttert und brauchen weder Gerste noch Hafer. Die Männer sind gewöhnt, zwei Tage und zwei Nächte lang auf dem Pferde zu bleiben, ohne abzusteigen, und schlafen so sitzend, während ihre Pferde grasen. Kein Volk auf Erden übertrifft sie an Tapferkeit, keines zeigt größere Geduld bei Entbehrungen. Sie sind ihren Führern uneingeschränkt gehorsam und mit geringen Kosten zu erhalten. Diese Eigenschaften, denen sie in erster Linie ihre militärische Tüchtigkeit verdanken, haben sie zu Herren der Welt gemacht.
 

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Wenn einer der großen Tatarenfürsten einen Kriegszug unternimmt, so stellt er sich selbst an die Spitze einer Armee von hunderttausend Pferden und ordnet sie in folgender Weise: Er setzt einen Hauptmann über je zehn Mann ein und andere über je hundert, tausend und zehntausend Mann. So erhalten zehn von den Hauptleuten, die über zehn Mann gesetzt sind, ihre Befehle von dem, der über hundert kommandiert; unter diesen wieder je zehn von dem, der den Befehl über tausend hat. Auf Grund dieser Anordnung hat jeder Hauptmann nur auf seine zehn Mann beziehungsweise zehn Truppeneinheiten zu achten. Ein Heer von hunderttausend Mann wird ein Tuk genannt, und zehntausend Krieger bilden ein Toman. Wenn nun die Armee sich in Bewegung setzt, so wird eine Truppenabteilung zwei Tagemärsche vorausgeschickt, während andere Truppen auf den Flanken oder in der Nachhut marschieren, um das Heer vor einem Überfall zu schützen. Ist ein weiter Marsch vorgesehen, so wird nur wenig Gepäck mitgenommen, meistens nur das Gerät zum Kochen und Aufschlagen des Lagers. Jeder Krieger ist verpflichtet, achtzehn Rosse und Stuten mit sich zu führen, und kann so immer, wenn das Pferd, das er reitet, müde ist, ein frisches besteigen. Sie haben kleine Zelte aus Filz, unter welchen sie gegen Regen geschützt sind. Wenn es besondere Umstände erfordern, können sie zehn Tage reiten, ohne gekochte Speisen zu sich zu nehmen; dann leben sie vom Blut ihrer Pferde, denen sie eine Ader öffnen, um davon zu trinken. Auch haben sie Milch bei sich, die zu Teig verdickt und getrocknet ist. Diese wird so zubereitet: Man kocht die Milch, hebt den fetten oder rahmigen Teil ab und tut ihn in ein gesondertes Gefäß wie Butter; denn in der Milch selbst würde er nicht hart werden. Dann stellt man ihn in die Sonne, bis er zusammengetrocknet ist. Wenn die Tataren ihren Feldzug antreten, führen sie zehn Pfund davon mit sich und werfen jeden Morgen ein halbes Pfund zusammen mit entsprechend viel Wasser in eine Beutelflasche, die wie ein kleiner Schlauch aussieht. Beim Reiten wird der Inhalt der Flasche so heftig geschüttelt, daß eine dünne Suppe daraus entsteht.
    Kommt es zur Schlacht, dann lassen die Tataren sich nie in ein Handgemenge mit dem Feind verwickeln, sondern umschwärmen ihn und schießen ihre Pfeile ab, zuerst von der einen, dann von der anderen Seite. Zuweilen stellen sie sich, als wollten sie fliehen, beschießen aber auf der Flucht ihre Verfolger mit Pfeilen und töten Mann und Roß, als ob sie Auge in Auge kämpften. Bei dieser Kampfesweise glaubt der Feind oft, er habe den Sieg errungen, während er in der Tat bereits der Unterlegene ist, denn sobald die Tataren sehen, daß sie ihm großen Schaden zugefügt haben, kehren sie plötzlich wieder um, nehmen den Kampf von neuem auf und überwältigen seine übrigen Truppen. Ihre Pferde können geschickt und schnell die Gangart wechseln und wenden sich auf ein gegebenes Zeichen sofort nach jeder gewünschten Richtung. Durch diese Manöver haben die Tataren viele Siege erkämpft. Alles, was hier erzählt wurde, gilt von den ursprünglichen Sitten der Tataren; diese aber sind heute sehr heruntergekommen. Diejenigen, welche in Kataia wohnen, haben ihre eigenen Gesetze aufgegeben und die Gewohnheiten der Völker angenommen, bei denen der Götzendienst herrscht. Die der westlichen Provinzen haben sich die Sitten der Sarazenen angeeignet.
 

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Recht wird bei den Tataren in folgender Weise gesprochen: Wird ein Mann des Raubes überführt, worauf keine Todesstrafe steht, so wird er zu einer bestimmten Anzahl von Stockschlägen verurteilt, nämlich zu sieben, siebzehn, siebenundzwanzig, siebenunddreißig usw. bis hundert, je nach dem Wert des gestohlenen Gutes und nach den Umständen, unter denen der Diebstahl stattgefunden hat. Viele sterben an den Folgen dieser Körperstrafe. Wenn einer ein Pferd oder einen anderen Gegenstand stiehlt, worauf die Todesstrafe steht, so wird er durch einen Schwertstreich mitten durch den Leib getötet. Ist der Dieb aber in der Lage, den neunfachen Wert des gestohlenen Gutes zu ersetzen, so entgeht er jeder weiteren Strafe.
    Es ist üblich, daß jedes Sippenhaupt oder jede andere Person, welche viel Vieh besitzt, den Hengsten, Stuten, Kamelen und Rindern ein Mal einbrennt und die Tiere dann auf eine Weide in die Berge schickt, ohne Hirten zu ihrer Aufsicht mitzugeben. Sollte eines von ihnen sich zu einer anderen Herde gesellen, so wird es dem Eigentümer zurückgeschickt. Schafe und Ziegen jedoch haben Leute, die über sie wachen. All ihr Vieh ist groß, wohlgenährt und außerordentlich schön.
    Wenn ein Mann einen Sohn gehabt hat und ein anderer eine Tochter und beide Kinder seit einigen Jahren tot sind, so ist es üblich, eine Ehe zwischen ihnen zu schließen und das verstorbene Mädchen mit dem verstorbenen Knaben zu vermählen. Dann malen sie menschliche Figuren auf Papierstücke, welche Diener mit Pferden und anderen Tieren, Kleidungsstücke, Geld und Hausgeräte darstellen. Dies alles übergeben sie zusammen mit dem Ehevertrag, der in schönster Form aufgesetzt wird, den Flammen; denn sie glauben, daß im Rauch diese Dinge zu ihren Kindern in der anderen Welt hinübergehen und diese Mann und Frau im Sinne des Gesetzes werden. Nach dieser Feierlichkeit betrachten sich Väter und Mütter als Verwandte, genauso, als wenn wirklich eine Verbindung zwischen ihren Kindern stattgefunden hätte.
    Nachdem ich also von den Sitten und Gewohnheiten der Tataren, wenn auch nicht von den glänzenden Taten ihres Großkhans, der über sie alle herrscht, berichtet habe, wollen wir nun zu unserem früheren Thema zurückkehren, das heißt zu der großen Ebene, die wir durchwandert haben, als wir anhielten, um die Geschichte dieses Volkes zu erzählen.